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In einem armen Rione von Neapel, wie hier dem Spanischen Viertel, wachsen Lila und Lenù auf und versuchen, sich zu befreien. Foto: Max Rossi/ Reuters

Neuerscheinung

Ehe als schlagende Verbindung

Elena Ferrantes zweiter Neapel-Roman, „Die Geschichte eines neuen Namens“,  ist ein starkes, liebenswertes Breitwand-Gemälde der italienischen Gesellschaft 

Gott sei Dank, Neapel hat uns wieder! Es sind die frühen Sechzigerjahre, als die Ehe noch eine schlagende Verbindung ist und Lenù und Lila dabei sind, sich auf jeweils sehr unterschiedliche Weise herauszubuddeln aus ihrem angestammten Milieu, dem Rione der Stadt.

Wir kennen die Mädchen bereits aus dem vorangegangenen Buch der Elena Ferrante, dieser großen Anonyma des aktuellen italienischen Literaturbetriebs. In ihrem Roman „Meine geniale Freundin“, dem ersten einer auf vier Bände angelegten Neapel-Saga, sind Lenù und Lila noch Kinder. Inmitten des turbulenten Treibens der armseligen Rione-Familien – rigorose Geschäftemacher, große Liebende und wahnsinnig Hassende – sind die beiden Mädchen so leuchtende, gleichermaßen Angst und Hohn herausfordernde Ausnahmen an Geist, Intelligenz, Fantasie, Entschlusskraft. Doch ihre Wege trennen sich bald, die kluge Lenù geht aufs Gymnasium, die hochbegabte Lila in den Unglückshafen einer Wohlstand versprechenden Ehe.

Da beginnt das zweite Buch, „Die Geschichte eines neuen Namens“. Die 16-jährige Lila, die durch die Hochzeit mit dem Salumeria-Besitzer Stefano dessen Namen trägt, weiß seit der Hochzeitsnacht, dass sie einen Fehler gemacht hat. Besiegt und gedemütigt von einem ungeliebten Mann, von dieser Schmach zeugt nun sein Name: Carracci, der jetzt und für immer der ihrige sein wird. Signora Carracci – Lila ist, als würde sie sich mit dem Verlust ihres Mädchennamens selbst auflösen, als flösse sie formlos auseinander. Aufgetakelt, protzig, relativ reich, begehrt von beinahe allen Männern des Viertels, aber unglücklich, voller Verachtung von Anfang an – so sieht ihr neues Leben aus. Dennoch, mit ihr an der Ladenkasse der neuen Salumeria blühen die Geschäfte, vermehren sich die Lire. Und als man zusammen mit den Camorra-verdächtigen Solara-Brüdern Marcello und Michele in Neapels feinem Zentrum ein Schuhgeschäft eröffnet und zwar mit den von Lila entworfenen und ihrem Vater und ihrem Bruder produzierten Modellen, glaubt sie, endlich heraus zu sein aus der Armutsfalle des Rione.

Wie in der „Genialen Freundin“ zeichnet Autorin Elena Ferrante mit Meisterhand auch hier ein faszinierendes Bild der damaligen Gesellschaft. Sie lockt den Leser mitten hinein in den Strudel der Gefühle, Erfahrungen und Erkenntnisse ihrer eigentlich lebenslustigen Heldinnen, die es jedoch so schwer haben, sie selbst zu sein. Lila verweigert sich ihrem gewalttätigen Mann, ist nach wie vor genial, furchtlos, frech, kühn und stolz. „So ist das ganze Leben: Mal fängst du Schläge und mal Küsse.“ Damit will sich ihr freier Geist nicht abfinden.

Währenddessen spürt Lenù auf dem Gymnasium und selbst später noch an der Universität die durch ihre soziale Herkunft bedingte Distanz: einerseits die zu den gut situierten Kindern des Bürgertums – sie sind „uns überlegen, einfach so, ohne Absicht. Und das war unerträglich“; andererseits zu den Jugendlichen ihres Viertels, denen sie an Latein, Griechisch, Literatur und Geschichte unendlich viel voraushat. Den neapolitanischen Slang des Rione hat sie weitgehend abgelegt, die italienische Hochsprache macht sie zur Fremden in der eigenen Familie. Indem die Autorin das Leben von Lila und Lenù so facettenreich ausmalt und dabei all die anderen Figuren aus dem vorangegangenen Band nicht außer Acht lässt, bezieht sie die Leser mit ein in das Leben, Leiden und Lieben der ganzen, großen Rione-Gesellschaft. Und schafft somit ein starkes, gültiges und letztlich so liebenswertes Breitwand-Gemälde der italienischen Gesellschaft, deren Ausstrahlung man sich nicht entziehen kann, was man über die Strecke von mehr als 600 Seiten auch gar nicht möchte.

Aufstiegswillen, Bildungshunger, Leidenschaft und Liebeskummer; Verzicht, Vernunft, Verrat, Versagen, Verachtung, Versprechen, Verbote – sie sind die treibende Kraft im Leben dieser hier geschilderten jungen Generation der Mittsechzigerjahre des 20. Jahrhunderts. Alle scheitern sie irgendwie. Am tragischsten trifft es Lila. Denn auf Ischia, wo sie mit ihrer Schwägerin, ihrer Mutter sowie mit Lenù den Sommer verbringt und an den Wochenenden Ehemann Stefano empfängt, verliebt sie sich radikal und hemmungslos, folgenschwer und schicksalhaft in den genialischen Nino, den Mitschüler aus frühen Grundschuljahren und die heimliche Liebe der opferbereiten Lenù.

Mit deren intellektuellem Aufstieg,  mit ihrem Begabten-Studium in Pisa, mit ihrer Ahnungslosigkeit, was die geistige  Elite Norditaliens angeht, mit ihrem in nur 20 Tagen rasch in ein Schreibheft hingeworfenen Roman über den Sommer auf der Insel und mit der für sie überwältigenden Überraschung, von einem Verlag entdeckt und  veröffentlicht zu werden, wird  Lenù  aus ihrem Bescheidenheits-Dasein herausgehoben. Ferrante lässt die Ich-Erzählerin wieder zur aktiven Hauptfigur werden, die  nun das Band der Freundschaft zur gescheiterten Lila erneut aufnimmt und vermutlich in den noch ausstehenden Roman-Folgen drei und vier weiter knüpfen wird.

Als Leser jedenfalls ist man in freudigster Erwartung. Denn schon dieser zweite Roman ist die wunderbare Fortsetzung von „Meiner genialen Freundin“. Aber er zwingt nicht, dieses erste Buch gelesen zu haben. „Die Geschichte eines neuen Namens“ ist ein eigenständiger, großer literarischer Wurf.

Sabine Dultz

Elena Ferrante:

„Die Geschichte eines neuen Namens“. Aus dem Italienischen von Karin Krieger. Suhrkamp Verlag, Berlin, 624 Seiten; 25 Euro.

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