Elend und Zynismus

- Barfuß, abgemagert, verzweifelt stehen die schlesischen Weber mit ihren Stoffballen an der Waage des Textilfabrikanten. Und wären sie vor Elend nicht schon ganz willenlos geworden, dann wäre der blanke Zynismus, der ihnen entgegenschlägt, das Zünglein an der Waage, dann würden sie längst Revolution machen bei einem Satz wie: "Wer gut webt, der gut lebt." Mit dieser Weisheit ist es vorbei, das wissen auch die Kassierer des Fabrikanten. Die Industrialisierung verdirbt die Preise, Qualität spielt keine Rolle mehr.

<P>1893, fast ein halbes Jahrhundert nach dem Weberaufstand, bereiste Gerhart Hauptmann Schlesien, um ein sozialkritisches Drama zu verfassen. Ausschweifende Regieanweisungen, die detailgetreue Schilderung großer Not und eine magere dramatische Handlung kennzeichnen "Die Weber" und machen das Stück für die Bühnen so unattraktiv.</P><P>Von den Krisen bei Opel und Karstadt war noch keine Rede, als die Münchner Schauburg Gil Mehmert die Regie angetragen hat (Premiere am Samstag). Eins zu eins lassen sich die Probleme im Peterswaldau des 19. Jahrhunderts nicht auf das derzeitige bundesrepublikanische Jammertal übertragen. Eine gute Wahl hat die Schauburg mit diesem (Schul-)Stoff trotzdem getroffen: weil er Firmenpleiten, Arbeitslosigkeit und Konsequenzen aus der Globalisierung in einen größeren Zusammenhang bringt. Weil er mit Abstand auf das blickt, was wir mit den schlesischen Webern gemeinsam haben: Der Strukturwandel ist vorläufig nicht in den Griff zu bekommen.</P><P>Wieder einmal beweist Gil Mehmert seine Meisterschaft, die Nöte seiner Figuren einfühlsam und doch unverkitscht darzustellen. Zu seiner Regiehandschrift gehört die Kunst, sparsam eingesetzte Requisiten und Kostüme mit immer neuen Bedeutungen zu versehen. Seine Abneigung gegen naturalistische Ausstattung kommt der Armut im Stück hier kongenial entgegen: Schuhe werden zu Webschiffchen oder Bügeleisen, schwarze Anzugjacken verwandeln sich, schief geknöpft, in Lumpen. </P><P>Die leere Bühne ist im Hintergrund von einem bemalten Prospekt begrenzt. Während der Aufführung wächst er in die Höhe und zeigt eine zeitgenössische Darstellung der um Lohn bettelnden Weber von Carl Wilhelm Hübner. Schließlich hängt sie wie ein Gobelin sarkastisch als Dekoration im Salon des Fabrikanten. </P><P>Ein einziges Brett davor ist Tuchwaage, Biertresen, Webstuhl und Fabrikanten-Chaiselongue zugleich. Gebeugte Haltung und kräftezehrende Gesten müssen die Schauspieler nicht erst erfinden: Sie stemmen etwa das Brett, von dem herab der Fabrikant die Krise bejammert. Schnell können so die Szenen wechseln, in denen die Schauspieler die verschiedensten Rollen übernehmen. Weil sie den schlesischen Dialekt des Stücks sprechen und manchmal vernuscheln, sind die Übergänge nicht immer leicht nachzuvollziehen.</P><P>Mit schillernder Bosheit spielt Thorsten Krohn den Fabrikanten in seinem Panzer aus Selbstmitleid, durch den das Elend der Arbeiter nicht mehr fühlbar ist. Karl Korte gibt so gegensätzlichen Figuren wie den alten Webern und dem Pastor Kittelhaus scharfe Konturen. Und Berit Menze und Sebastian Hofmüller bestechen mit der Klarheit in der Darstellung diverser Charaktere. Ein sperriges, unbequemes Stück hat das Ensemble wunderbar seiner Bühne eingepasst, ohne es seiner Schroffheit und Nachdenklichkeit zu berauben.</P>

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