Annemieke van Dam als Sissi

„Elisabeth“-Musical: Eine Holländerin besucht Wien

Wien - Ende Oktober feiert das Musical „Elisabeth“ im Deutschen Theater in München Deutschland-Premiere. In der Titelrolle ist Annemieke van Dam zu erleben. Wir waren mit der Holländerin auf Sisis Spuren in Wien.

Sissi - das Musical

Sie ist ein Mythos, eine Ikone, eine Kaffeetassendekoration. Elisabeth, Kaiserin von Österreich – Sisi, bitte mit schmalzig weichen Vokalen ausgesprochen – ist so gut, dass man sie für Romy Schneider hätte erfinden müssen.

Die olivgrüne Stofftapete hat Wasserflecken, altmodisch sieht die Zinkbadewanne aus, und trotzdem mag sie in das schmale Durchgangszimmer nicht passen: Ein kleiner Salon, der alles nur kein Badezimmer ist, unweit von Elisabeths Wohnzimmer in der Hofburg. Annemieke van Dam geht weiter in Sisis Wohnraum. Die junge Musical-Darstellerin, 1982 in Holland geboren, ist mit ihrer Mutter in die österreichische Hauptstadt gereist, um mehr über jene Frau zu erfahren, die sie im Musical von Michael Kunze und Sylvester Levay Dahinter spielt. Jetzt steht sie vor einem Reck und einer Sprossenleiter. Nichts besonderes, denkt sich Annemieke van Dam vielleicht: Sisi war eben eine moderne, sportliche Frau.

Doch am Wiener Hof eckte dieser Lebensstil an: Zu turnen hatten Frauen nicht, und Franz Joseph benutzte als kritischer Begutachter alles Modernen zeitlebens Leibstühle und ließ sich sogar beim Neubau des Burgtheaters 1888, als Toiletten in der besseren Gesellschaft gang und gäbe waren, neben der Hofloge einen Leibstuhl aufstellen.

Ihre Kinder musste Sisi zur Erziehung ihrer Schwiegermutter überlassen. Als Tochter von Herzog Max in Bayern hatte sie jedoch in ihrer Geburtsstadt München unter dem Regiment von König Max II. ein anderes, aufgeklärteres Leben kennengelernt. Mit dem Vater, der einmal sagte, dass sie, wären sie keine Wittelsbacher, Zirkusreiter geworden wären, ging sie im Possenhofener Sommer auf die Jagd und lebte ein von Hofetikette unbelastetes, freies Leben in der Natur.

Im Wiener Sisi-Museum, das sich in der Hofburg an die kaiserlichen Wohnräume anschließt, blickt Annemieke van Dam nach oben: Dort sitzt die Puppe eines Mädchens auf einer Schaukel, die nie stillsteht. Sisi war ein Freigeist. Eine aufgeklärte, kunstinteressierte Frau. Eine Frau, die das Schicksal hatte, zufällig in das Leben der Kaiserin eines Weltreichs hineinzurutschen und die genauso zufällig wieder aus ihm gerissen wurde, als sie der Anarchist Lucheni 1898 in Genf mit einer Feile ins Herz stach.

Die Gemache des Kaisers, die der Besucher heute durchschreiten kann, sind mit Unmengen von Sisi-Bildern dekoriert. Der Kaiser soll sie sehr geliebt zu haben, erzählen die Fremdenführer, wirklich erreichen konnte er sie jedoch nicht. Dabei hatte alles so romantisch begonnen, wie es sich nur Heftchentromanschreiber ausdenken können: Kaiser Franz Joseph I. war1853 nach Bad Ischl, um sich mit der für ihn als Ehefrau vorgesehenen Helene, Sisi ältester Schwester, zu treffen. Doch die 15-jährige Sisi eroberte durch ihre unverkrampfte, natürliche Art sein Herz. 1854 wurde geheiratet. „Oh hätt ich nie den Pfad verlassen, der mich zur Freiheit hätt geführt“, schrieb Sissi 14 Tage nach der Trauung in einem Gedicht.

Dazu passt kaum die gusseiserne Waage, die im Museum, dezent beleuchtet, in einer Vitrine steht. Man schreibt so etwas in Wien nicht explizit neben ein Exponat, aber Sisi war Zeit ihres Kaiserinnenlebens schwer essgestört, wog bei einer Größe von 1,72 Metern unter 50 Kilo. „Das würde ich nicht schaffen“, sagt Annemieke van Dam.

Ab ihrem 30. Geburtstag erließ Sisi zudem ein strenges Abbildungsverbot und verbarg sich, wenn Fotografen in ihrer Nähe waren, hinter einem großen Fächer. Nach ihrem Tod mit 60 Jahren zeigte sich, dass ihr Konzept aufgegangen war: Alle Statuen, die in der ganzen Monarchie aufgestellt wurden, zeigen eine junge Frau. Durch den Souvenirshop der Hofburg, an Sisi-Aschenbechern und Sisi-Dolls für die amerikanischen Kinder vorbei, führt der Weg an der Habsburgischen Hofkirche, der gotischen Augustinerkirche vorbei zur Kapuzinergruft, der Grabstätte der Habsburger. Nebenbei der Welt größtes Sargmuseum. Neben dem erhöhten Sarg Franz Josephs I. etwas tiefer, irdischer, zu seiner Linken Sisi – eine „seltsame Frau“, wie sie ihr Biograf Egon Conte Corti vieldeutig genannt hat. Eine Frau, die ein Leben lang versucht hat, das wiederzuerlangen, was sie durch eine Heirat verloren hat: ihre Freiheit.

Albert Meisl

„Elisabeth“ feiert am 22. 10. im Deutschen Theater in Fröttmaning Premiere. Karten: 089/ 55 23 4444.

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