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„Von diesem Schicksal war ich zu Tränen gerührt“: Ellen Page als Mechanikerin Stacie, die mit einer Todgeweihten verheiratet ist.

Interview

Ellen Page: „Lesbenhasser gibt es überall“

Ellen Page über ihr Leben als Homosexuelle in den USA, falsche Ängste und ihren neuen Film „Freeheld“

Zu ihren berühmtesten Rollen zählen die Traum-Architektin Ariadne im Science-Fiction-Thriller „Inception“, die Mutantin Kitty Pride im Superhelden-Abenteuer „X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“ und die scharfzüngige, schwangere Titelheldin der Teenie-Tragikomödie „Juno“, die ihr eine Oscar-Nominierung einbrachte. Nachdem sich Ellen Page vor zwei Jahren als lesbisch outete, kommt nun ihr Herzensprojekt in unsere Kinos: In „Freeheld“ verkörpert die 29-Jährige die Automechanikerin Stacie Andree, die vor zehn Jahren zu einer Vorkämpferin für die Gleichberechtigung von Homosexuellen wurde. In Berlin sprachen wir mit der klugen, sympathischen, nur rund anderthalb Meter großen Schauspielerin.

Wann ist Ihnen die Geschichte von Stacie und ihrer Lebensgefährtin Laurel Hester zum ersten Mal begegnet?

Vor acht Jahren habe ich den umwerfenden 40-minütigen Dokumentarfilm von Cynthia Wade über die beiden gesehen, der damals gerade den Oscar gewonnen hatte. Ich war zu Tränen gerührt und derart beeindruckt vom Mut dieser Frauen, dass ich sofort zusagte, als sich die Gelegenheit bot, ihre Geschichte einem breiteren Publikum in Form eines Spielfilms näherzubringen.

Sie sind auch Koproduzentin. War Julianne Moore Ihre Wunschpartnerin für die Rolle der Laurel?

Oh ja! Julianne ist nicht nur eine der besten Schauspielerinnen aller Zeiten, sondern auch ein wunderbarer Mensch. Zudem hat sie schon viel mehr Lesben gespielt als ich. Ich finde, wir sollten sie zur Ehren-Lesbe ernennen! (Lacht.)

Haben Sie die echte Stacie kennengelernt?

Ja. Sie war unglaublich offenherzig, obwohl es ihr natürlich nicht leichtfiel, über ihre verstorbene Freundin zu sprechen. Sie hat mir alle Originalschauplätze gezeigt: ihr Haus, ihre Werkstatt, ihr Stammlokal... Das war sehr bewegend.

Hat sich seit dem Kampf von Stacie und Laurel die Situation für Homosexuelle in den USA verändert?

Auf jeden Fall. Das Engagement der beiden hat den Nährboden bereitet für das fantastische Grundsatzurteil des Obersten Gerichtshofs der USA im vergangenen Juni, nach dem alle US-Bundesstaaten gleichgeschlechtliche Ehen erlauben und anerkennen müssen. Hätte es dieses Urteil vor zehn Jahren schon gegeben, dann hätten Stacie und Laurel nicht ihren zermürbenden Kampf führen müssen, sondern die letzten Monate von Laurels Leben gemeinsam in Ruhe verbringen können. Der Film zeigt, wie sehr Homosexuelle damals diskriminiert wurden. Aber auch heute herrscht in weiten Teilen der USA noch ein schwulen- und lesbenfeindliches Klima.

Wie äußert sich das?

In 31 Bundesstaaten kann man immer noch gefeuert oder aus der Wohnung geworfen werden, wenn man homosexuell ist. Das heißt: Du darfst nun zwar offiziell heiraten, aber wenn dein Chef deine Hochzeitsfotos auf Facebook sieht, darf er dich fristlos entlassen. Das ist legal – und es passiert tatsächlich! Kinder fliegen von der Schule, weil sie ein T-Shirt mit der Aufschrift „Lesbe" tragen. An der kalifornischen Küste, ganz in der Nähe meines Wohnortes, hat man kürzlich einem Schüler in den Kopf geschossen, weil er einen anderen Jungen am Valentinstag beschenken wollte.

Was haben Sie selbst nach Ihrem Coming-out für Erfahrungen gemacht?

Das war die beste Entscheidung meines Lebens. Im Nachhinein wünschte ich sogar, ich hätte mich früher geoutet. Denn seitdem ich mich nicht mehr verstecken und verstellen muss, fühle ich mich wirklich frei, motiviert, inspiriert – wie neugeboren! In meinem gesamten Umfeld gab es praktisch nur positive Reaktionen.

Also keine Feindseligkeiten?

Doch, aber die fallen überhaupt nicht ins Gewicht. Wenn ich mich Hand in Hand mit meiner Freundin auf der Straße zeige, werde ich manchmal von wildfremden Leuten beschimpft. Einmal hat man mich sogar angespuckt – ausgerechnet im New Yorker East Village, in dem viele Homosexuelle leben. Lesbenhasser gibt es eben überall. Besonders skurril fand ich einen christlichen Fundamentalisten, der mir einreden wollte, ich würde eine Todsünde begehen und könnte nur hoffen, dass ich eines Tages zu Gott finden und mit einem Mann den heiligen Bund der Ehe eingehen würde. Ich entgegnete: „Das wird nicht passieren, aber genießen Sie ruhig Ihre Zeit im Paradies, während ich in der Hölle schmore!“

In Hollywood gibt es nach wie vor erst eine Handvoll offen lesbischer Schauspielerinnen.

Ja, weil immer noch diese diffuse Angst kursiert, dass deine Karriere vorbei wäre, wenn du dich outen würdest. Auch ich habe mich jahrelang von dieser Furcht lähmen lassen. Doch das ist bloß ein altes Ammenmärchen, mit dem wir endlich aufräumen müssen. Ich werde bestimmt auch in Zukunft heterosexuelle Rollen spielen. Mir ist es im Prinzip völlig egal, mit wem meine Filmfiguren ins Bett steigen.

Hauptsache, die Figuren sind interessant?

Genau! Noch immer sind 83 Prozent der Protagonisten in Hollywoodfilmen männlich, während Frauen oft nur Opfer oder schmückendes Beiwerk darstellen dürfen. Aber das ändert sich langsam, und einige TV-Serien sind hier Vorreiter. Ich freue mich auf alles, was da noch kommt: auf Lesbenfilme, in denen es nicht nur um den Kampf um Gleichberechtigung geht, sondern in denen zwei Frauen ganz nebenbei ein Paar sind. Oder auf homosexuelle Heldinnen, die die Welt vor bösen Spionen oder Dinosauriern beschützen!

Das Gespräch führte Marco Schmidt.

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