Nachruf auf Ellis Kaut

Pfütüüüü, Pumuckl-Mama!

München - Mit ihren Geschichten vom Pumuckl hat sie seit Jahrzehnten viele, viele Kinder verzaubert. Und trotzdem haderte Ellis Kaut, die Erfinderin des rothaarigen Wichts, ein Leben lang mit ihrem Superstar. Jetzt starb die Münchnerin mit 94 Jahren. Sie hinterlässt ein einzigartiges Erbe.

Rote, struwwelige Haare, grüne Hose, gelbes Oberteil, ein kugelrunder Bauch und diese unglaublich krächzige Stimme Hans Clarins: Generationen von Kindern und solche, die es mal waren, sehen den frechen, kleinen Kobold sofort vor sich, wenn sie den Namen „Pumuckl“ hören, und krakeelen mit Wonne mit: „Hurra, hurra, der Kobold mit dem roten Haar. Hurra, Hurra, der Pumuckl ist da!“

Keine andere ihrer Figuren hat Ellis Kauts Leben so geprägt wie er, der freche Klabautermann. In keiner anderen wird sie auch über den Tod hinaus so weiterleben: Die Autorin und Schöpferin von Pumuckl starb nach langer Krankheit gestern am frühen Morgen im Alter von 94 Jahren in einem Pflegeheim in München. Ihre Tochter Uschi Bagnall ist es am Donnerstagnachmittag, die die traurige Mitteilung machen muss. Sie habe ihre Mutter noch am Tag vor ihrem Tod besuchen können, Ellis Kaut sei friedlich eingeschlafen.

Der Kobold Pumuckl, der in der Schreinerei des Meister Eder am Leimtopf kleben bleibt, deswegen nur für ihn sichtbar wird und von da an die Werkstatt und das Leben des Münchner Grantlers auf den Kopf stellt, hat Ellis Kaut einst zu dem verholfen, was sie sich schon als Kind ganz fest vorgenommen hatte: berühmt zu werden. Dass ihr das ausgerechnet als Schriftstellerin gelingen würde, ahnte sie damals nicht: „Virtuosin am Klavier wollte ich werden, als ich klein war – oder Heilige“, berichtete Ellis Kaut einmal in einer BR-Dokumentation über ihr Leben, das sie ganz bewusst bis zuletzt in ihrer Lieblingsstadt München verbracht hat.

Geboren wurde Ellis Kaut 1920 gar nicht in Bayern, sondern in Stuttgart, als Tochter eines Bank-Prokuristen und einer Bauerstochter. Schon im Alter von zwei Jahren zog sie aber mit ihrer Familie nach München und wurde dort nach der Schule zunächst städtische Staatskanzleianwärterin im Münchner Rathaus – ihre Eltern waren nicht begeistert von ihrem Wunsch, die Schauspielerei zu erlernen. Ausgerechnet im Rathaus stand sie dann aber bereits mit erst 17 Jahren zum ersten Mal im Rampenlicht: Als erstes offizielles Münchner Kindl glänzte Ellis Kaut 1938 im Blitzlichtgewitter der Öffentlichkeit.

Rasch beendete sie den für sie so langweiligen Verwaltungsdienst, absolvierte doch noch die Schauspielschule und erhielt ein erstes Bühnenengagement in Wiesbaden. Die Sehnsucht nach München trieb sie jedoch bald zurück in den Süden, und so absolvierte sie eine Ausbildung als Puppenführerin im Marionettentheater, arbeitete als Sprecherin im Bayerischen Rundfunk und verfasste – nur um ihren zukünftigen Gatten, den damaligen Lokalchef des Münchner Merkur Kurt Preis, zu beeindrucken – auch einen ersten Artikel fürs Feuilleton. Doch das Schreiben war definitiv nicht ihr Wunsch-Metier. Stattdessen begann die stets neugierige Kaut ein Studium an der Akademie der Künste: „Die Bildhauerei war mein Traumberuf“, beteuerte sie später oft.

Nachdem 1945 ihre Tochter Ursula geboren worden war und sich Ellis Kaut zunächst als Bildhauerin über Wasser hielt, kehrte sie in den 50er-Jahren zurück zum BR und damit auch zum Schreiben: Sie moderierte und konzipierte Kindersendungen und verfasste unter anderem 120 Folgen des erfolgreichen Hörspiels „Kater Musch“. Als dieser ersetzt werden und eine neue Kinderfigur erfunden werden sollte, half ihr wieder ihr Mann Kurt Preis auf die Sprünge – eine zauberhafte Geschichte. 1961 bewarf die kleine, freche, rotblonde Frau ihren Gatten bei einem Winterspaziergang mit Schnee – da beschimpfte der seine Herzensdame scherzhaft: „Du bist doch ein rechter Pumuckl!“ – und schon war der Kobold geboren, der sie endlich wirklich berühmt machen sollte.

Knapp 90 Pumuckl-Hörspiele entstanden seit der Ausstrahlung der ersten Folge „Spuk in der Werkstatt“ im Jahr 1962, veröffentlicht auf 50 Schallplatten, von denen bis 1976 bereits 1,5 Millionen verkauft und sogar ins Chinesische und Japanische übersetzt worden waren. 1982 eroberte der liebenswerte, sture und kesse Kobold mit der einprägsam-keifigen Stimme dann auch den Bildschirm: In 52 Folgen trieb Pumuckl seinen von Gustl Bayrhammer so herzergreifend verkörperten Meister Eder zur Weißglut und fesselte tausende von Kindern – auch bei den zahlreichen Wiederholungen Jahre später – an den Fernseher.

Frech stellte er immer wieder Gebräuche und Konventionen in Frage, verstieß gegen Vorschriften und Regeln und unterhielt damit nicht nur die kleinen Fernsehzuschauer. Ein Erfolg, den niemand hatte absehen können, am wenigsten Ellis Kaut selbst, die als erfolgreiche Schriftstellerin noch immer erstaunlich wenig Begeisterung für diesen Beruf aufbringen konnte: „Schreiben ist für mich keine Beschäftigung, die glücklich macht“, betonte sie oft. Dennoch erhielt sie für ihre Leistungen viele Auszeichnungen: Bundesverdienstkreuz, Oberbayerischer Kulturpreis, bayerische Verfassungsmedaille.

Doch diesen Ruhm, vor allem geernet für ihren so liebevoll gestalteten kleinen Helden, hat sie nicht nur genossen. „Der Pumuckl hat alles aufgefressen“, versuchte sie ihr ambivalentes Verhältnis zu dieser Figur einmal in Worte zu fassen. „Manchmal hätte ich mir doch mehr Freiheiten gewünscht.“ Wöchentlich ein Manuskript habe sie liefern müssen, resümierte Ellis Kaut die stressigen Zeiten der Pumuckl-Produktion. Harte Arbeit, die vieles andere in den Hintergrund drängte. Weitere Figuren wie der „Schlupp vom grünen Stern“ oder der „Kater Musch“ feierten durchaus auch Erfolge.

Doch ihrem Konkurrenten Pumuckl konnten sie nie das Wasser reichen. Vielleicht lag das daran, dass ausgerechnet der rothaarige Kobold viel mit seiner Schöpferin gemeinsam hatte, wie sie selbst zugab. Das kindlich-naive Hinterfragen der Welt, die Lebenslust und der Tatendrang, aber auch die Neigung zu rebellieren – das alles hatte sich der kleine Wicht ganz erfolgreich von Ellis Kaut abgeschaut.

Letzteres führte nicht nur in den Geschichten um Meister Eder, sondern auch in Ellis Kauts echtem Leben ab und an durchaus zu Problemen: Mit Pumuckls Zeichnerin Barbara von Johnson beispielsweise stritt sie über lange Zeit um Urheberrechte. Erst zum 50. Geburtstag des Kobolds wurde der Zwist ganz offiziell beigelegt. Wirklich beliebter machte das ihre erfolgreichste Figur bei Ellis Kaut selbst nicht, und es dauerte viele Jahre, bis die Schriftstellerin mit ihrem eigenen Star Frieden schließen konnte.

Kein Wunder also, dass die Schreiberei nach dem Pumuckl für Ellis Kaut erneut in den Hintergrund trat. Sie widmete sich ausgiebig der Fotografie, porträtierte zunächst Island und dann in mehreren Bildbänden „ihre“ Stadt München und erlernte mit über 80 noch die Techniken der Digitalfotografie. Nebenbei malte und modellierte sie wieder oder widmete sich zum Ausgleich ihrem geliebtem Garten an der Amper, der ihr schon zu Beginn der 90er-Jahre, als ihr Mann starb, viel Trost gespendet hatte. „Ohne meinen Garten wäre ich nie so alt geworden,“ behauptete Ellis Kaut selbst. Kreativität, in welcher Form auch immer, war und blieb zum Schluss ihr Lebenselixier: „Wenn ich nicht mehr kreativ sein kann, kann ich nicht mehr lebendig sein.“

Als unsere Zeitung vor einigen Wochen um ein Interview mit Ellis Kaut bat – es ging um den Streit über Pumuckls Schlankheitskur, er sollte neu gezeichnet werden und seine Wampe verlieren –, musste Tochter Uschi Bagnall schon absagen. Ihre Mutter habe nicht mehr genug Kraft. Jetzt ist Ellis Kauts Leben zu Ende. Im Pumuckl lebt sie weiter, für die Kinder von gestern, von heute – und von morgen.

Melanie Brandl

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