Elvis, Tom Cruise und Eva Herman

Stuttgart - Es war ein Blick in die Zukunft: Die Uraufführung von Harald Schmidts Liederabend "Elvis lebt. Und Schmidt kann es beweisen" in Stuttgart macht klar, wohin dessen Weg nach seinem wohl zu erwartenden Abschied vom Fernsehen führt - zurück auf die Theaterbühne.

Die Parallele verblüfft. Von Elvis wurde bei seinen ersten Auftritten im Fernsehen nur der Oberkörper gezeigt. Zu groß war die Angst der prüden Verantwortlichen, die kreisend, schwingend zuckende Hüfte des King of Rock n Roll könne zum kollektiven Kollabieren in Amerikas Wohnzimmern führen. Auch der Entertainer Harald Schmidt ist auf der Mattscheibe meist ohne Unterleib zu sehen. Welch' Ähnlichkeit, welch' Jammer. Denn der gelernte Schauspieler Schmidt ist ein Arbeiter auf der Bühne. Jetzt wurde am Stuttgarter Staatstheater der von ihm konzipierte Abend "Elvis lebt. Und Schmidt kann es beweisen" uraufgeführt - eine unterhaltsame, böse, runde, rockige, eine gute Inszenierung.

Schmidt tanzt, schwoft, swingt, trippelt, rockt und rollt vor einem goldenen Lametta-Vorhang. Ganz klar, der Mann freut sich, dass das Publikum endlich mal seine Beine sieht. Die sind denn auch im Takt und meist in Bewegung.

Die Aufführung ist eingebettet in das Projekt "Endstation Stammheim", in dessen Rahmen sich das Theater mit dem 30 Jahre zurückliegenden Deutschen Herbst und dem RAF-Terror beschäftigt.

1977 besuchte Schmidt die Schauspielschule in Stuttgart und sah im Schauspielhaus 13 Mal den Liederabend "Elvis Presley Memorial", durch den Peter Sattmann führte: Der King war am 16. August 1977 gestorben.

Jene Aufführung nun nutzt Schmidt als Ausgangspunkt seiner Produktion, trägt in perfektem Englisch biographische Notizen aus Elvis' Leben und dem eigenen Werdegang vor, aus dem er auf Deutsch erzählt.

Klingt trocken, ist es aber nicht. Denn Schmidt spielt, referiert, rezitiert mit Leidenschaft. Er liefert böses politisches Kabarett, kombiniert etwa das Bild des RAF-Anwalts Schily mit dem des Bundesinnenministers Schily in Polizeiuniform (beide unterlegt von Peter, Paul and Mary'' Drogen-Song "Puff, The Magic Dragon").

Als Moderator des Abends in schwarzem Anzug mit Fliege singsangt er auch im süßlich badisch-schwäbischen Schäuble-Sound über die Terrorgefahren, er haut auf die Kulturszene ("Was Las Vegas für Spielsüchtige, ist das BE für alte Linke.") und aktuelle bundesdeutsche Hysterien: Der Drehgenehmigungszirkus um den "Stauffenberg"-Film mit Tom Cruise lässt ihn über einer Kinderadaption sinnieren: "Bibi Bendler-BlocksBerg".

Doch Schmidt kann sich auch zurücknehmen und mit seinen vier Schauspielkollegen, die von Petra Bongard formvollendet auf 70er-Jahre kostümiert und frisiert wurden, ganz wunderbar Brecht und Schubert singen, ebenso Volkslieder ("Muss I denn zum Städtele hinaus", das einzige Lied, das auch der King auf Deutsch gesungen hat), politisch Unkorrektes ("Krüppel ham so was Rührendes") und natürlich jede Menge Elvis-Hits. Begleitet werden sie von "Baby Grand". Und diese Musiker wissen - im Schwabenland würde man sagen - "wo d'r Barthel d'r Moscht holt". Es rockt eben.

Es ist also keine Ein-Mann-Schau, die Harald Schmidt da auf die Bühne gebracht hat, sondern eine stimmige Ensembleleistung. Es ist ein intelligenter, weil durchdachter Abend, der auch die Fähigkeit zur Assoziation und Abstraktion verlangt. Manches funktioniert nur hier, am authentischen Ort, wo unter dem Stichwort "Stuttgart 21" die Landesregierung in einem umstrittenen Bauprojekt den Hauptbahnhof in den Untergrund verlegen will.

Und so verabschiedet Schmidt sich in bester Eva-Herman-Manier, dass er fortan bei jeder Talkshow, in die er hineingeworfen würde, sagen werde: "Bei der RAF war vieles schlecht."Lange Pause. "Aber sie wollte nie den Stuttgarter Hauptbahnhof unter die Erde bringen."

Nächste Vorstellungen:

21. und 27. Oktober, Schauspiel Stuttgart; Karten unter Telefon 0711/ 20 20 90.

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