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Die nächsten Vorstellungen von „ Alkestis“ finden am 1., 6., 11. und 23. Dezember statt.

Residenztheater: Jubel bei der „Alkestis“-Inszenierung

München - Dieter Dorn hat am Residenztheater das Stück „Alkestis“ neu inszeniert. Der Regisseur räumt mit altbackenen Botschaften auf und garantiert einen spannenden Theaterabend. Eine Premierenkritik.

Welch Ärgernis, welch überholtes Gedankengut! Nein, es reicht nicht, wenn die Frau ihrem Mann zu Lebzeiten dient, legt der Dichter nahe. Wenn sie sich um seine Kinder kümmert, ihn umsorgt. In den Tod muss die Frau an seiner Stelle gehen, ihr Leben seinem Weiterleben opfern.

Dann, erst dann, kann und darf sie mit Belohnung und dem Wohlwollen der Götter rechnen. Welch antiquierte Vorstellung, welch altbackene Botschaft Euripides in seine „Alkestis“ gepackt hat. Von vorvorgestern das alles. Mindestens.

Doch welch spannenden,unterhaltsamen Theaterabend hat Dieter Dorn daraus am Bayerischen Staatsschauspiel gemacht! Wie zeitgemäß klingt das, was der Hausherr zwei Stunden lang auf der Bühne des Münchner Residenztheaters verhandeln lässt. Von Patina keine Spur. Das hat mehrere Gründe: Dorn hat den österreichischen Literaturwissenschaftler und Autor Raoul Schrott um eine Bearbeitung des antiken Stoffs gebeten. Und Schrott hat eine knackige, klare, behutsam modernisierte Fassung geliefert. Sein Text braucht die konzentrierte Regie Dorns, jenes Regisseurs, der stets konsequent Schnickschnack vermeidet, dem Text und seinen Darstellern vertraut, um auf diese Weise Stoffe befragen und ihre Bedeutung freilegen zu können. Man folgt ihm bei seiner „Alkestis“ sehr gerne dabei.

Jürgen Rose hat, wie kann’s auch anders sein, die Bühne bis zu Brandmauer aufreißen lassen, alles ist weiß gekalkt. Nichts soll die Konzentration stören. In der Mitte erhebt sich, gezimmert aus rostrotem Holz, ein Kubus mit Zug-Tor – der Palast des Admetos. In Verlängerung zu dessen Eingang baute Rose einen Laufsteg durch den Zuschauerraum, der im hinteren Drittel abknickt und durch eine der Saaltüren ins Foyer führt. Dieser Steg verbindet das Reich der Lebenden mit jenem der Toten, die Sterblichen mit den Göttern. Dieser Steg, der zwischen den Zuschauern hindurchführt, symbolisiert aber auch die Verknüpfung der Zeit des Euripides (438 v. Chr. uraufgeführt) mit der unseren. Verstärkt noch durch die Beleuchtung des Parketts, werden wir Zeugen und Ansprechpartner der Bühnenfiguren. Seine Struktur erhält der Abend zudem durch den erschütternden Klagegesang der finnischen Jazz-Sängerin Sanni Orasmaa.

Bereits das Vorspiel, in dem der Menschenfreund und Aufklärer Apollon und Thanatos, der Tod, streitend, geifernd, einander misstrauend den Fall des Admetos und seiner Alkestis vorstellen, packt unmittelbar. Felix Rech als jungenhafter Gott der Künste und Prophezeiungen sowie Shenja Lacher als schmieriger Todesengel werfen sich zwar gegenseitig vor, als „Politiker“ und „Populist“ zu agieren – und sind beide doch allzu sehr darauf bedacht, uns Zuschauer für ihre Standpunkte einzunehmen.

Rech wird später als Herakles Thanatos die tote Alkestis entreißen, sie ins Leben zurückbringen. In der Rolle dieses Helden wird er zum gefeierten Liebling des Premierenpublikums. Er spielt ihn als Pragmatiker und Praktiker, der eins wird mit seinem Projekt – egal ob es sich dabei um den Stall des Augias, das Zusammenschirren der Stuten des Tyrannen Diomedes oder eben darum dreht, mit dem Tod um Alkestis zu kämpfen: „Was solls – kommt zu meinen zwölf Arbeiten halt noch eine dreizehnte hinzu: Ich werds ihnen schon zeigen, dass jemand, der das Herz am rechten Fleck hat und zupacken kann, mehr bewirkt als alles sophistische Gerede.“

Wie dieses Mannsbild einen Jammerlappen wie Admetos zum Freund haben kann, bleibt rätselhaft. Obwohl: Gegensätze ziehen sich an. Michael von Au, Theaterpreisträger dieser Zeitung, spielt den Herrscher schwach bis zur Karikatur, hilflos bis zur Aggressivität: „Wie soll ich nur weiterleben, wenn du tot bist – völlig allein und von dir im Stich gelassen“, flennt und brüllt er seine sterbende Frau an. Rudolf Wessely verpasst der Figur des Vaters Pheres den heiligen Zorn des Alters, er wird dem Sohn später seine Feigheit wortreich hinreiben. Und er hat ja Recht, der Alte: Warum sollte nicht auch er sein Leben bis zur letzten Sekunde auskosten dürfen? Nur weil er alt ist, soll er für seinen Sohn ins Grab? „Dir gehört dein Leben ganz allein“, schnauzt Wessely. „Du hast es selber zu verantworten in guten wie in schlechten Zeiten.“

Eben dies, und von Au zeigt das überdeutlich, hat Admetos nie gelernt. Den ersten Auftritt des Paares – Alkestis will nochmals die Sonne sehen – hat Dorn ganz raffiniert so eingerichtet, dass unklar ist, wer hier wen stützt: der Herrscher seine sterbende Frau, oder die Todgeweihte ihren greinenden Mann. Sibylle Canonica spielt die immer schwächer werdende Titelfigur aber zugleich unheimlich stark, trotzt sie doch auf dem Totenbett Admetos das Versprechen ab, nie wieder zu heiraten. Ihre Alkestis ist eine stolze Frau – stolz bis zur Arroganz, die aus ihrem selbstbestimmten Schicksal ihr Selbstbewusstsein zieht. Durch ihren selbstgewählten Tod emanzipiert sie sich. Canonica erzählt uns von dieser außergewöhnlichen Frau, ohne viele Worte zu haben. Es erzählen ihre Blicke, Gesten, Körperhaltungen.

All diesen Schauspielern folgt man auch gern durch die weniger starken Szenen dieses Abends, jenen Augenblicken, in denen Dorns Inszenierung kurz in den Leerlauf schaltet, wie um Atem zu schöpfen. Es lohnt sich. Am Ende: Jubel fürs Ensemble. Nächste Vorstellungen am 1., 6., 11., 23. 12.; Telefon 089/ 21 85 19 40.

Michael Schleicher

Die Handlung

König Admetos muss sterben. Die Götter wollen ihn jedoch weiterleben lassen, falls er jemanden findet, der freiwillig an seiner Stelle stirbt. Selbst seine alten Eltern sind dazu nicht bereit. Mit der Begründung, die Kinder brauchen den Vater eher als die Mutter, erklärt seine junge Frau Alkestis, für Admetos sterben zu wollen. An ihrem Todestag kommt Herakles seinen Freund Admetos besuchen. Als er von Alkestis’ Tod erfährt, lauert er Thanatos am Grab auf und entreißt ihm die Frau. Herakles bringt dem trauernden Admetos seine Alkestis zurück.

Die Besetzung

Regie: Dieter Dorn.

Ausstattung: Jürgen Rose.

Licht: Tobias Löffler.

Darsteller: Michael von Au (Admetos), Sibylle Canonica (Alkestis), Felix Rech (Apollon/ Herakles), Shenja Lacher (Thanatos/ Diener), Rudolf Wessely (Pheres), Ulrich Beseler, Arnulf Schumacher, Helmut Stange (Chor).

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