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Es gibt derzeit keine bessere Arabella als Anja Harteros (Szene mit Thomas J. Mayer als Mandryka).

Premierenkritik

Emanzipation im Zwielicht

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München - Filmemacher Andreas Dresen inszenierte für die Münchner Opernfestspiele Richard Strauss’ „Arabella“. Lesen Sie hier die Premierenkritik.

Die Sache mit der Rose ist ja schon lange ins Fadenkreuz der Regie gerückt. Blumenüberreichung zum Tusch? Entweder kommt der Kavalier zu spät oder gar nicht oder seine Blume vereist, zerbricht wie bei Peter Konwitschny als kaltes Symbol einer untergehenden Gesellschaft. Im Vergleich dazu hat „Arabella“, das andere Wiener Opern-Baiser von Richard Strauss, Aufholbedarf. Wieder so ein (von Machos erdachtes) Liebessymbol: Das Glas Wasser, das die Begehrte ihrem „Gebieter“ reicht, während das Orchester ein letztes Mal aufschluchzt, bleibt hier also unausgetrunken. Wer die Proben verfolgte, wurde mit großem „Pssst!“-Gebot belegt, auch in Interviews gab sich Regisseur Andreas Dresen augenzwinkernd wortkarg. Weil seine Final-Überraschung vielleicht auf wackligen Beinen steht?

Also: Arabella schüttet Mandryka das Wasser ins Gesicht, der Pudelnasse jagt sie die Treppe hoch, kurz vor dem Gemach bremst sie ihn aus: erst ich! Ein Emanzipationsanfall, hübsch, ein Lacher. Und durch fast nichts motiviert, was sich in den vorherigen drei Stunden dieser Münchner Festspiel-Premiere zugetragen hat. Zumal auch einiges dagegensteht: Figuren inklusive der Titelheldin, die – so heruntergebrannt und fertig mit der Welt sie auch sein mögen – eben doch in ihren alten Traditionen und Mustern denken. Und eine Interpretin, deren Hoheit sich irgendwie beißt mit dem geforderten Dasein als auf Krawall gebürsteter Twen.

Letzteres ist, zugegeben, Jammern auf höchstem Niveau. Es gibt derzeit keine bessere Arabella als Anja Harteros. Und wer sich Münchens legendäre Rollenvertreterinnen vergegenwärtigt, Lisa Della Casa, Julia Varady, Lucia Popp, der begreift, dass da im Nationaltheater gerade eine große, einzigartige Tradition fortgesetzt wurde. Alles glückt der Harteros. Sich Worte auf der Zunge zergehen lassen, sie auch als Projektil aus der Damenpistole einsetzen, die Strauss’schen Linien nachmalen mit gehaltvoller, auf weitem Bogen geführter Stimme – bis hin zu den großen dramatischen Tönen, von denen ihr nur ein, zwei nach anstrengender Saison verspannt geraten.

Ganz aus der Musik und dem Text erfühlt die Harteros ihre Arabella und demonstriert damit (ungewollt?), dass Dresens Konzept doch viel Aufgesetztes hat. Was freilich zu spüren ist: Der Kino-Mann kann mit Sängern. Lässt ihnen Freiräume, geht – gerade im Fall von Doris Soffel, die ihre Adelaide als Komödienschwester Klytämnestras vorführt, oder von Kurt Rydl, der als Waldner seine knorrigen Gags platziert – auf ihre Eigenheiten ein. Was mit Bühnenbildner Mathias Fischer-Dieskau und Sabine Greunig (Kostüme) gelingt, ist eine Art Entkleidung des Stücks, auch eine Verdunkelung. Die im Finale so wichtige Treppe, auf der Arabella zu Mandryka hinabsteigen wird, bestimmt den Abend. Eine Drehkonstruktion, stark in ihrer Wirkung, mit den verschobenen Linien, dem schwarz-weiß-grau wechselnden Zwielicht ein Zitat aus dem Film-Expressionismus.

Unter die Ball-Gäste des zweiten Akts mischen sich bedrohlich Uniformierte, die Fiakermilli (von Eir Inderhaug effektvoll derb gesungen) ist ein Lack-Leder-Wesen mit Gerte, und während sich die Riesenkonstruktion im Intermezzo zum dritten Akt dreht, gibt es sündige, wie vorbeiwischende Erotik. Die Zwanzigerjahre, in denen das Stück entstand, sind präsent, allerdings sehr unaufdringlich, als klitzekleine Widerhaken: festspielverträgliche Ambition hinter vorgehaltener Hand. Dennoch bringt Dresen Lohnendes aus seinem Heimatgenre mit. Einige Szenen sind so präzise wie natürlich choreographiert. Und wenn er die Figuren an die Rampe holt, dann kann man das als Kapitulation verstehen – oder eben als Zoom auf die Gesichter.

Arabellas „Richtiger“ kommt hier nicht aus den Wäldern, sondern mutmaßlich von einer Rockstar-Tournee. Thomas J. Mayer trägt als Mandryka lange Locken und dunkles Wams, wird begleitet von zwei beunruhigenden Bodyguards. Dass ihm geschmeidiger Baritonglanz fehlt, passt ins (Klang-)Bild. Es gibt einige kraftvolle Wotanismen, doch die Intonation bleibt im ähnlichen Zwielicht wie die Bühne. Ein Problem auch der Matteo von Joseph Kaiser, dem man einen belastbareren Tenor wünscht, damit sich das smarte Rollenporträt rundet. Mehr als formatfüllend dagegen Hanna-Elisabeth Müller. Das Burschikose, die herbe Verzweiflung Zdenkas wird bei ihr auch hörbar. Keine Lyrische beim forcierten Stimmbandtest ist hier zu bestaunen, sondern eine schon erstaunlich reife, diktionsgenaue Charakterkünstlerin.

Dirigent Philippe Jordan, da trifft er sich mit Dresen, denkt sich diesen Strauss nicht als kalorienreiche Kulinarik, sondern mit vielen gesunden Ballaststoffen. Kurzzeitig gönnt er sich den süffigen Aufschwung, dirigiert sonst mit souveränem Handwerk eher auf Attacke. Auf die lange „Arabella“-Tradition kann er dabei beim Bayerischen Staatsorchester bauen, zudem auf den unterm Kollegen Petrenko gepflegten Stil des kräftigen Farbauftrags und des überscharfen Klangbilds. Manches ist – zumindest vom Parkett aus gehört – zu laut. Nicht allein Jordan ist das anzulasten, auch einer Bühne, die vieles wegsaugt, was hinter dem Portal gesungen wird. Dennoch: Das Moderne der Partitur ist bei Jordan sehr präsent. Was tief blicken und hören lässt: als ob der Musiker Richard Strauss, auch so eine Erkenntnis dieser ohne Buhs gefeierten Premiere, seinen Libretti meilenweit voraus ist.

Weitere Vorstellungen

am 11., 14. und 17. Juli; Telefon 089/ 2185-1920.

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