Emotion mit Distanz

- Ein ungewöhnliches, ja beinahe kühnes Programm wagten die Münchner Philharmoniker am Wochenende im Münchner Gasteig, ihren Abonnenten anzubieten: Frühbarockes und Modernes in schlüssiger Dramaturgie.

<P>Zu Beginn Claudio Monteverdis an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert entstandenes dramatisches Madrigal "Il combattimento di Tancredi e Clorinda" in der Fassung seines 1925 geborenen italienischen Landsmannes Luciano Berio. Zum Abschluss "Il canto sospeso" des um ein Jahr älteren Luigi Nono. </P><P>Dazwischen erklangen die italienischen Madrigale aus "Il primo libro de madrigali" des deutschen Monteverdi-Zeitgenossen Heinrich Schütz, der sich zu Beginn des 17. Jahrhunderts letzten Schliff in Venedig, der Geburtsstadt Nonos, geholt hatte. Am Pult der Philharmoniker stand Fabio Luisi, der für die heiklen Chorpartien auf den aus Leipzig mitgebrachten Chor des Mitteldeutschen Rundfunks setzte.<BR><BR>Zunächst in Schütz' ungemein lichten fünfstimmigen A-Capella-Sätzen. Leicht und flüssig fügten sich die Stimmen dynamisch differenziert zueinander, fanden sich zu rhythmisch akzentuiertem Geplapper oder zu kunstvoll überlagerten Textverschränkungen der reizvollen Liebeslieder. Von einer tödlichen Liebe hatte zuvor Christoph Pregardien als Testo mit seinem leichten, wendigen Tenor erzählt. In natürlichem Tonfall durchmaß er das ganze Stimmungsbarometer, am eindringlichsten in der schlichten Continuo-Begleitung von Cembalo und Cello. </P><P>Die kleinen Titelpartien des Tancredi und der Clorinda sangen Markus Butter und Julie Moffat mit angenehm instrumental geführten Stimmen. Luisi leitete vom Cembalo aus das von Berio instrumentierte Streich-Quintett mit drei Bratschen, Cello und Bass. Konzentrierte Kammermusik, die einen intimeren Rahmen verlangt.<BR><BR>Briefe zum Tod verurteilter Widerstandskämpfer<BR><BR>Doch den hätte nun wieder Luigi Nono mit seinem "Canto sospeso" für Chor, Solisten und großes Orchester gesprengt. Nonos strenges, seriell gesetztes Bekenntniswerk (vor dem einige Zuhörer flohen) wahrte in Luisis Interpretation trotz spürbarer emotionaler Eindringlichkeit Distanz, ließ die Sinne hellwach konstatieren, was hier musikalisch verarbeitet wird: Abschiedsbriefe junger zum Tode verurteilter europäischer Widerstandskämpfer aus dem Zweiten Weltkrieg. Nina Kunzendorf und Robert Dölle (von den Münchner Kammerspielen) rezitierten die Briefe klar und eindringlich. Im dritten Satz ergänzte Jolana Fogasova (Alt) das Terzett, in dem Nono den zur Hinrichtung Verurteilten individuelle Stimme gibt. Pregardien und Moffat sangen auch die Soli im 5. und 7. Satz beeindruckend schlicht.<BR><BR>Der Chor des Mitteldeutschen Rundfunks war ein intonationssicherer versierter Partner im Stimmpuzzle des ersten Satzes wie im zart-linearen Einsatz der Frauenstimmen oder im nur von Paukentupfern durchsetzten, leise Hoffnung formulierenden Finalsatz. Die Philharmoniker folgten Luisis klarer Zeichengebung aufmerksam. So offenbarte Nonos Partitur, in der das umfangreiche Instrumentarium aufgesplittert und meist nur punktuell eingesetzt wird, ihre Transparenz und Suggestionskraft.</P>

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