Empfangen und geben

- Zum 75. Geburtstag des in München und Dießen lebenden Malers Johannes Selbertinger wurde eine Ausnahme gemacht: Das eigentlich auf Grafik und Karikatur spezialisierte Tegernseer Olaf-Gulbransson-Museum zeigt groß- und kleinformatige, ungegenständliche Gemälde eruptiv dynamischen Charakters aus jüngster Zeit, dazu frühe Zeichnungen und Holzschnitte.

Der Grund: Der in Tegernsee geborene Künstler verbrachte dort ein paar Jahre der Kindheit.

Mit seinen realistischen Porträt-Zeichnungen und seinen expressionistischen Holzschnitten schien der junge Selbertinger in den Jahren 1950-55 schon völlig ausgereift zu sein für eine Karriere als würdiger Erbe eines Ludwig Meidner oder Emil Nolde. Die Selbstbildnisse des knapp 20-Jährigen zeigen einen Lebensernst, der mit knappen Mitteln Tiefgründiges zu sagen wusste.

Als Selbertinger 1958 in der Stuttgarter Hausbücherei am Münchner Marienplatz seine erste große Ausstellung hatte, wurde er als einer der "jungen Avantgardisten des Gegenstandes" gefeiert. An der Akademie hatte er bei dem grüblerischen Xaver Fuhr studiert, ohne sich von ihm formal beeinflussen zu lassen.

Selbertinger begann damals mit der Entwicklung eines Furioso der Farben, in dessen Pathos die frühen Ansätze sich zu einem psychischen Automatismus einer schier unendlichen Abfolge wandelten. Das eigene Ich trat weit zurück hinter einem permanenten Impetus: im Bekenntnis zu einer produktiven Lebensform, in welcher er sich als "auserwählter Diener" sieht - im Empfangen und Geben einer Kunst, die für ihn das Leben ist, zweckfrei und daher annehmbar.

Bis 31.12., Tel. 08022 /  33 38.

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