Am Ende aller Illusion

- Der 1942 in München geborene Österreicher Michael Haneke gehört zu den spannendsten Regisseuren der Gegenwart. Hanekes Filme wie "Funny Games" oder "Die Klavierspielerin" sind Fallstudien über die Pathologie der Konsumgesellschaft und bewegen sich im Bereich des Unbewussten, der Angst und Gewalt. Haneke gewann mit "Caché" (versteckt), einen Film über eine gutbürgerliche, französische Familie, die sich gefährdet glaubt und daran zu zerbrechen droht, fünf Filmpreise. Jetzt startet das Werk in Deutschland.

Es gibt den speziellen Haneke-Blick . . .

Haneke: Es gibt für mich drei Kinoerfahrungen: Die erste: "Hamlet" von Lawrence Olivier. Am Anfang des Films braust draußen ein heftiger Sturm, ich habe so vor Angst geschrieen, dass meine Großmutter mit mir nach drei Minuten wieder gehen musste. Dann gab es einen Film, der spielte in der Savanne, man sah Giraffen, Löwen - es war super. Aber draußen regnete es. Und ich habe nicht verstanden, warum ich dann plötzlich nach der schönen Sonne wieder im Regen stand. Die dritte Erfahrung war ein Film von Tony Richardson. Da dreht sich plötzlich der Darsteller in die Kamera, und wendet sich an die Zuschauer - ich fiel vom Stuhl, dass man mir so die Illusion nahm.

 Ich glaube, wenn man diese drei Erfahrungen zusammen denkt, dann sagt das was über meine Position dem Kino gegenüber: Wer das Kino nicht kennt, hat nicht die Distanz, die für seine Erfahrung nötig ist. Und die Gefahr der Manipulation ist somit viel größer. Das ist das Thema.

Wie lässt sich Manipulation verhindern?

Haneke: Über den Schock. Filme müssen einen Nerv treffen. Je schmerzhafter die Wunde ist, um so mehr werden sich die Leute auch dafür und dagegen entscheiden. Und das ist es schon, was ich als Filmemacher will, denn das ist auch das, was ich selber will, wenn ich ins Kino gehe. Der Film, der mich in meinem Leben am meisten weitergebracht hat, war seinerzeit Pasolinis "Saló´ oder die 120 Tage von Sodom". Der Film hat mich völlig fertig gemacht. Er zeigt Gewalt als das, was sie wirklich ist: Leiden der Opfer. Damals habe ich mich ununterbrochen gefragt: Halte ich das noch aus? In einer Gesellschaft wie der unserigen kann man Kino oder dramatische Kunst im weitesten Sinn nur so machen. Man kann sie nicht konsensuell machen. Dann ist man dumm. Oder feig, oder zynisch.

Sind Sie Zivilisationspessimist?

Haneke: Natürlich.

Warum?

Haneke: Aufgrund von Beobachtung. Das fällt ins Auge. Ich glaube in der Tat, dass wir alle versaut sind. Durch eine Form von Realitätswiedergabe und "Illusionierung" in den Medien, der wir nicht gewachsen sind. Darum polemisiere ich immer wieder über solche Fragen. Nicht, weil ich die Leute für deppert halte. Ich bin überhaupt kein Provokateur!

Also die Wahl zwischen Reduktion und Manipulation?

Haneke: Hitchcock ist ja nur an der Oberfläche ein Manipulator. Wenn man genau hinschaut, ist er der Analysator der Manipulation. Der Thriller ist bei ihm nur ein Mittel, um die Geschichte zum Rollen zu bringen. Das gilt auch für Filme wie "Caché". Darum gibt es dort gar keine Lösung am Schluss.

Ist das eine Absage an das Geschichten erzählen?

Haneke: Nein, ich muss die Geschichte als Vehikel benutzen, um etwas erzählen zu können. Was ich erzählen will, ist die Irritation der Zuschauer. Nur eine Irritation bewirkt wirklich etwas. Man will ja aus dem Kino nicht so rauskommen, wie man reingegangen ist.

Sie beschränken sich nicht nur aufs Filmen.

Haneke: Ich habe mich nach "Caché´" erholt - denn der Druck wächst immer mehr; nun mache ich eine Oper. Auf meine alten Tage konnte ich mir das noch gönnen. Ich bin ein großer Musik-Fan. Und weil 2006 Mozart-Jahr ist und Mozart-Opern für mich das Non-plus-ultra sind, inszeniere ich in Paris bei Gerard Mortier den "Don Giovanni". Ich habe schon fürchterliches Bauchweh. Die Oper ist viel mehr am Kino dran als das Theater. Ein guter Theaterregisseur ist ein Reagierer. Im Film ist es ganz anders. In der Oper haben sie noch ein strengeres Konzept. In der Zeit, in der die Musik von A nach B kommt, muss auch die Szene von A nach B.

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