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Perfekte Technik, präzise Ästhetik und Auseinandersetzung mit dem Unbewussten: Erstes Intermezzo aus der Serie „Rettungen Ovidischer Opfer“ (1879).

Am Ende bleibt die Schönheit

Bernried - Liebe und Triebe, Sehnsüchte und Albträume, ja sogar Fetisch: Sind das nicht die Schlagworte von heute? Trotzdem passen sie zur aktuellen Ausstellung im Buchheim Museum:

Liebe und Triebe, Sehnsüchte und Albträume, ja sogar Fetisch: Sind das nicht die Schlagworte von heute? Seltsam nur, dass sie perfekt zu einer Ausstellung passen, die einen Künstler präsentiert, der erstens vor hundert Jahren gelebt hat. Und zweitens als Symbolist, als Ästhetizist, als Naturalist oder gar ewig Gestriger eingestuft wird. Max Klinger (1857-1920) ist vielleicht von all dem ein bisschen. Vor allem aber ist er der „Modernste unter den Modernen“. Was 1882 der dänische Kritiker Georg Brandes erkannte, wird jetzt im Bernrieder Buchheim Museum fokussiert: In zehn Radierzyklen, die in die Abgründe und wüsten Fantasien der menschlichen Seele ebenso blicken lassen wie auf ihre phänomenal schöne Darstellung.

Am Ende bleibt deshalb auch die Schönheit: „Vom Tod. Zweiter Teil“ (1885- 1910) ist zwar, wie so oft, eine desaströse Geschichte Klingers, doch die tote Mutter ist eine Botticelli-Schönheit, die – in die geliebte römische Architektur eingebettet – völlig ätherisch erscheint. Auf ihr ein Kind, das den ewigen Kreislauf und Neubeginn symbolisiert. Schopenhauers Philosophie des Überlebens bestimmte auch das Privatleben des Künstlers: Nach seinem Schlaganfall 1919 heiratet er sein Teenie-Modell Gertrud, es bleibt ihnen kaum ein Jahr. Der Künstlerfürst in Leipzig hatte diese Liebschaft geheim gehalten. Doch die Querelen einer jahrelangen Dreiecksbeziehung mit seiner Lebensgefährtin Elsa, der ersten echten Feministin dieser Zeit, schlug sich auch in seinem letzten Opus „Das Zelt“ nieder. Bedeutungsschwangere und doch enorm rätselhafte Geschichten um eine Göttin und Königin des „Weiberstaates“. Der hochdekorierte Professor der Leipziger Akademie war also auch privat durchaus unkonventionell bis skandalträchtig. Fast jeder der Zyklen gibt darüber Aufschluss.

Hinter jeder Idylle lauert flirrendes Unheil

In Bernried geht es aber nicht nur um den schräg schillernden Klinger, sondern um einen Grafiker, der „den Zweifeln und Schauern, der Unseligkeit und Zerrissenheit, den Qualen und der Sehnsucht der modernen Seele Gestalt zu geben versucht“. Deshalb hat Buchheim die zehn Zyklen fast vollständig gesammelt. Was wiederum Gastkurator Richard Hüttel völlig überraschte: „Die Klinger-Forschung kommt gerade erst in Gang. Buchheim hat damals schon begriffen, wer er war.“

Hüttel, der die Lücke bis zum Antritt des neuen Museumsdirektors in Bernried galant füllt, versucht, mit klarer Hängung, aufschlussreichen Texten und teils auf tiefem Salonrot, die reellen, moralischen und seelischen Spannungen, die moderne „Nervosität“ Klingers zu inszenieren.

Kernstück ist die berühmte, völlig surreale Geschichte über den „Handschuh“ (Opus VI), die so scheinbar harmlos im Gartenlauben-Stil beginnt, dabei aber einen jungen Klinger flott in Rollschuhen präsentiert. Doch bald wird ein Fetisch überdimensional: Die Besessenheit Klingers von einem Handschuh (de facto eine ominöse Brasilianerin, Tagesgespräch in seiner Wohngemeinschaft) weitet sich zu einem satten, orgiastischen Rosentraum aus, wird eine Horrorvision im Stile Goyas, endet aber mit japanischer Eleganz und dem Sieg Amors.

Das ist nur ein Beispiel für die stilistisch wie thematisch unglaublich vielschichtigen Meisterwerke, die nicht zuletzt den Grundstein für den Surrealismus legten. Nicht nur in „Amor und Psyche“ wird offenbar, dass sich hier jemand enorm früh mit dem „Unbewussten“ auseinander setzte. Brüche in der Prägnanz, Beleuchtungsschnitte, Zitate und Neuerfindungen sowie flirrendes Unheil hinter jeder Idylle: Die Blätter Max Klingers sind voller Antithesen. Das war wohl nur mit perfekter Technik und präziser Ästhetik auszuhalten.

Freia Oliv

Bis 20. Oktober,

Di. bis So. 10 bis 18 Uhr;

Katalog: 9,80 Euro;

Telefon 08158/ 997 00.

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