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Ende der Nabelschau

- "Die Berlinale und der deutsche Film, das war noch nie eine Musterehe. Es ist viel passiert. Und es hat sich nicht viel getan. Wir sind rein quantitativ wieder auf dem Stand von 1981." Genau vor zehn Jahren schrieb Alfred Holighaus, lange Chefredakteur des Berliner Stadtmagazins "TIP", diese Sätze. Zehn Jahre später sitzt Holighaus mit Spezialzuständigkeit fürs deutsche Kino im Auswahlgremium von Festivalchef Dieter Kosslick und hat darüber hinaus eine von ihm kuratierte eigene Reihe, die "Perspektive Deutsches Kino".

"Von Anfang an war unser Anspruch: Wir wollten den deutschen Film stärker etablieren", so Holighaus. Im Wettbewerb war das noch vergleichsweise leicht. Da musste man einfach die Zeiten beenden, in denen jedes Jahr ausschließlich der neue Film von Herbert Achternbusch zu sehen war, und mehr deutsche Streifen einladen. Für den Nachwuchs gründete man die "Perspektive". "Wir wollten einen Raum, der geschützter ist, wo man helfen kann, Qualität zu entwickeln." Klingt ein bisschen wie ein Brutkasten . . .

Seit ihrem Gründungsjahr hat sich die Sektion gut entwickelt. Zurzeit suchen viele deutsche Filme den Anschluss an die Traditionen und den realitätshungrigen Blick des britischen Sozialrealismus. Der Humor wird damit erkauft, dass vieles im letzten Moment doch in Harmonie oder Vagheit zurückzuckt. "Schöner leben" ist so ein Beispiel. Das interessante Debüt von Markus Herling stellt die neue Armut ins Zentrum. Herling schildert Zufallsbegegnungen an einem Weihnachtsabend und zeigt, wie seine Figuren nicht nur innerlich, sondern auch materiell Not leiden. Beachtenswert wird der Episodenfilm, durch seine offene Dramaturgie, dadurch, dass er sehr viel den Schauspielern überlässt. Aber auch "Schöner leben" will zum Happy End und verrät damit fast sein Sujet.

"Hochhaus" vom Ludwigsburger Filmstudent Nikias Chryssos erzählt von zwei Kindern, die ohne Erwachsene in irgendeinem Häuserblock aufwachsen und auf die Hügel der Umgebung blicken. Dabei hängen sie ihren Tagträumen nach und spielen sich und den Nachbarn Streiche. "Vier Fenster" von Christian Morris Müller gehört zu den stilistisch bemerkenswertesten Filmen der  diesjährigen  Auswahl.

Gespür für die Brüche des Alltags

Auch hier ein Hochhausleben. In vier Abschnitten stellt der Film einen vierköpfigen Haushalt vor. In Varianten des alten Spiels Vater, Mutter, Kind offenbart sich die Familie und mit ihr die Gesellschaft "als Terrorzusammenhang" (Alexander Kluge). Story, starre Struktur und ein - vielleicht - unnötig offenes Ende sind noch das Schwächste an diesem gelungenen Film. Hervorragend und intensiv gespielt, lakonisch und präzis inszeniert, lebt er von seiner geschlossenen Form, von auffallend guter Ausstattung und einer ausgezeichneten Kamera.

Schließlich wirft auch "Der Lebensversicherer" des dffb-Studenten Bülent Akinci ein um Wahrhaftigkeit bemühtes Schlaglicht auf die Gegenwart, gleichfalls mit großem Stilwillen. Es geht um einen Versicherungsvertreter (Jens Harzer, der auch in Hans Christian Schmids Wettbewerbsbeitrag "Requiem" mitspielt, scheint dieser Auftritt auf den Leib geschrieben), der über die Autobahnen zieht und mit den Versicherungen den Menschen auch Träume verkauft - falls sie seinem vorgestanzten Gerede überhaupt zuhören.

Was verbindet alle diese Geschichten, von einem gewissen sozialen Engagement und einem Gespür für die Brüche im Alltäglichen einmal abgesehen? Während man einige Zeit den Eindruck haben musste, Debütfilme handeln naturnotwendig von den Schwierigkeiten, erwachsen zu werden, und vom Wunsch, Teil einer Jugendbewegung zu sein, hat die Nabelschau nun ein Ende, gehen Regisseure gelassener und distanzierter mit sich selber um und sagen weniger penetrant als früher "Ich".

Aufmerksamkeit sicher ist dem Film "Der die Tollkirsche ausgräbt". Hierbei handelt es sich um das Regiedebüt von der Schauspielerin Franka Potente: ein Stummfilm in Schwarz-Weiß, eine Liebesgeschichte, die sich nicht darum herumdrückt, das eigene Sujet zu reflektieren. Bekanntere Regisseure sind im "Panorama" vertreten: Dominik Grafs Drama "Der Rote Kakadu" aus dem Dresden des Jahres 1961, der kommende Woche startet. Und im "Forum neue Filme der Berliner Schule", der die interessantesten jüngeren deutsche Regisseure zugehören: Lucy von Henner Winckler und Ulrich Köhlers "Montag kommen die Fenster", der in intensiven, somnambulen Bildern von der Entfremdung einer Kleinfamilie handelt.

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