Am Ende Stille

- "Dieses Konzert wird Ihnen nichts ersparen." So beginnt Komponist Dietrich Lohff seine Einführung am Sonntagnachmittag zum "Requiem für einen polnischen Jungen". Dann unruhig-unbehagliche Musik, Schlagzeugakzente flackern auf, darüber erhebt sich getragen der Klang des Chors. Mit dem "Totengebet" beginnt unter Leitung von Candida Kirchhoff die Münchner Erstaufführung in der Erlöserkirche. Alle Texte des Requiems stammen von Opfern des Faschismus; sie werden von Andreas Neumann jeweils gesprochen, bevor sie erklingen; damit wird der reine Text seiner Vertonung gegenübergestellt.

Das "Schlaflied für Daniel" beschreibt auf erschütternde Weise die Fahrt einer Mutter mit ihrem kleinen Sohn nach Auschwitz: "Wir fahren durch Deutschland, mein Kind. Und es ist Nacht. Die Scheiben klirren im Wind, da sind die Toten erwacht." Im Orchester ist das Rumpeln des Zugs zu hören, darüber der Mezzosopran von Ann-Katrin Naidu. Hier wie auch in der "Elegie auf einen polnischen Jungen" klagt und trauert sie im Vibrato, die Stimme bricht in der Elegie beinahe vor Schmerz. In der plastisch-drastischen Beschreibung des "Sonetts von der endgültigen Frage" dagegen wird sie mit aufschreiender Wut zur Gegenstimme des geschlossen und spannungsreich agierenden Chors.<BR><BR>"Ich möchte leben", diese Worte eines 18-jährigen Mädchens trägt ein Solist der Regensburger Domspatzen vor. Seine kindliche Stimme transportiert eindrücklich die Verzweiflung der jungen Dichterin. Bei "Euch fehlt die Phantasie" beschwört der Komponist mit filmmusikalischen Elementen eine angstvolle Stimmung. Das dumpfe Grollen des Schlagzeugs kündigt einen Marsch in weiter Ferne an. Der steht für die herannahende Bedrohung im 1934 verfassten Text. "Ein jüdisch' Kind" ist das Ende des Requiems. Die silbrige Stimme eines weiteren Solisten der Domspatzen verklingt allein im Raum: "Für das, was wir ertragen, ist jede Sprache stumm."<BR><P> </P>

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