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Christian Thielemann gibt am Samstag sein Antrittskonzert als Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden in der Semperoper.

So war Thielemanns Antrittskonzert in Dresden

Dresden - Musizieren mit der „Wundertüte“: So war Christian Thielemanns Antrittskonzert als Chef der Staatskapelle Dresden.

Nach „Uff!“ klingt das, als ob man sich erleichtert in die Polstergarnitur fallen lässt. Tür zu, weg von den blöden Problemen der Welt, von allem Streit und Unbill. Jetzt Füße hoch und kuscheln. Die Polstergarnitur, das ist in dem Fall die Staatskapelle Dresden, und der Mann mit dem „Uff!“ ist Christian Thielemann. „Angekommen“ steht seit Monaten auf den Plakaten in der Elbstadt, zu sehen ist ein kokett nach oben linsender neuer Chefdirigent. Das ist schon vielsagender (und griffiger) als „Anton Bruckner freut sich auf Christian Thielemann“, mit dem die Münchner Philharmoniker anno 2004 ihren neuen Star begrüßten. „Angekommen“, das heißt nun in Dresden vor allem eines: endlich daheim.

Aber Bruckner freut sich ja trotzdem. Zum offiziellen Antrittskonzert in der Semperoper dirigierte Thielemann am Samstag die melodienselige Siebte plus fünf Orchesterlieder von Hugo Wolf, gestaltet von der klangseligen, jedoch textarmen Renée Fleming. Mag die vokale Crémepackung der Opernszene das blaue Band und süße Düfte besungen haben: „Er ist’s“, Wolfs Mörike-Vertonung, kriegt da einen anderen Drall: Frühling? Ach was, der Mann mit dem Taktstock ist gemeint.

Zwei, die sich perfekt verstehen, sind das. Thielemann, der Filigrantüftler, der behutsam an den kleinen Reglern seiner Staatskapelle dreht und fummelt, eine Feinarbeit, die sich im zugegebenen Strauss-Lied „Befreit“ zu mirakulösen Zaubermomenten steigert. Und la Fleming, die unangestrengt lange Sopranlinien spannt und die ihren Part vor allem als Sahnehäubchen reicht. Umarmung, kleine Scherze, Bussis – sieht schon nach Traumpaar aus.

So wirkt Musik auf unseren Körper

So wirkt Musik auf unseren Körper

Der Dresdner August ist ja lange tot. Krönungsmessen werden, wie nun für Christian den Starken, trotzdem gefeiert. In der Mittelloge neben Ministerpräsident Stanislaw Tillich erhebt sich also auch sein bayerischer Kollege Horst Seehofer zu den Standing Ovations, dazu eine BR-Delegation, sogar eine kleine der Münchner Philharmoniker. Danach geht’s mit Bussen zur „Gläsernen Manufaktur“ außerhalb der Altstadt, wo Sponsor VW das Zusammenschrauben seiner Phaetons inszeniert, vor allem aber viel Feier-Raum hat. Als Thielemann in der Auto-Kathedrale eintrifft, begrüßen ihn Bläser mit einer Kurzfassung von Wagners „Rienzi“-Ouvertüre. „Bayern hat sich Martinez gekauft, wir haben uns Thielemann geholt“, sagt Tillich. Bei so viel „Mia san mir“ bleibt Seehofer lieber stumm und beschränkt sich aufs Händeschütteln mit dem Star.

Der kriegt sich vor Schulterklopfen und Umarmungen gar nicht mehr ein. „Einmalig“ sei das, wie die Staatskapelle auf Winzigkeiten reagiere, sagt Thielemann im persönlichen Gespräch. Da zahle sich eben die Opernerfahrung des Orchesters aus, auch sein „wahnsinniger, unglaublicher“ Klang. „Wundertüte“ nennt er die Kapelle, die einst Wagner als „Wunderharfe“ pries. In ihrem Saft, so der Chef, wolle er künftig schmoren.

Erleichtert ist Christian Thielemann nach dem multimedial beachteten Einstand, gelöst. Und auch verändert. Gut, der Sprung aufs Podium beim Schlussapplaus, das Nach-vorn-Schnellen, fast ein angedeuteter Hecht ins Parkett, das ist geblieben. Aber sonst bewegt er sich zurückhaltend, lässt Orchestersolisten höflich aufstehen, scheucht sie nicht dazu, ist auch Renée Fleming gegenüber wie ein Fan-scheuer Galan. „Staatskapellmeister“, so etwas gibt einem offenbar den Seriositätsschub.

Bei Bruckners Siebter ist Thielemann nicht auf Überwältigung aus. Flüssig, intensiv und extrem geschlossen bei aller Vielgestaltigkeit des Klangs wird der Kopfsatz gespielt. Das Adagio verströmt sich nicht in melancholischer Trauer, viel Nachdenklichkeit ist da zu spüren. Grandios gestaffelt der mehrmalige Anlauf zum Höhepunkt. Und dem Finale, Bruckners Achillesferse, gibt Thielemann viel Gewicht, befreit es aus seiner Nachklapp-Funktion. Kleine Irritationen verraten, dass nur drei Proben angesetzt waren. Oft wird behutsam in Pianissimo-Regionen operiert, die direkte Akustik der Semperoper lädt dazu ein. Wie das wohl beim Gastspiel in München am Sonntag klingt?

Sieben Jahre soll Thielemanns Ehe laut Vertrag halten. Die Flitterwochen sind gesplittet. Erst gibt es mehrere Deutschland-Konzerte, im Oktober folgt schon eine große Japan-Tournee. Alle zwei Jahre will man nach München kommen. Ihren neuen Chef zeigen die Sachsen wie eine Trophäe her. Davon kündet nicht nur der Dienstplan, das zeigt sich auch bei Gesprächen, in denen Gürtel und Knöpfe gerade noch verhindern, dass die Dresdner vor Stolz platzen.

Und doch sind da auch Wolken. Einen Tag zuvor saß Thielemann als Lied-Begleiter am Flügel in der Semperoper, bei der Trauerfeier für die verstorbene Intendantin Ulrike Hessler. Wie es wohl weitergeht, darüber schweigt man offiziell. Wolfgang Rothe, der kaufmännische Geschäftsführer, steht kommissarisch an der Spitze. Nächste Woche gibt es ein Gespräch beim Ministerpräsidenten. Namen wie Pamela Rosenberg, Ex-Intendantin der Berliner Philharmoniker, kursieren schon. Auf jeden Fall wird es ein Intendant, viele meinen, mit Blick auf eine zwistfreie Zusammenarbeit, eher wieder eine Intendantin, auf jeden Fall eine Berufung von Thielemanns Gnaden.

Der sonnt sich allerdings erst einmal im Bronzeschein der Staatskapelle. „Den holen wir zurück nach München“, drohte Horst Seehofer auf dem Empfang. Doch „sein“ Bayerisches Staatsorchester steht ja gerade vor der Hochzeit mit Kirill Petrenko. Da hat der Herr Nachbar, geblendet von Sachsens neuem Glanz, wohl die Baustellen durcheinandergebracht.

Das Gastspiel der Staatskapelle Dresden und Christian Thielemann am 9. September im Münchner Gasteig. Das Konzert ist ausverkauft.

Von Markus Thiel

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