Endlich glaubhafte Menschen

- Die Planken sind schon verschrottet, nurmehr zwei Schiffsgerippe liegen auf dem Grund des Stroms, von denen eines bei Alberich/Rheintochter-Belastung auch noch fast zusammenbricht: Das neu gestaltete erste "Rheingold"-Bild weist wohl hin auf die aktuelle Situation - Jürgen Flimms "Ring des Nibelungen" nähert sich der Abwicklung. Denn in ihrem fünften Bayreuther Sommer ist diese launige Produktion letztmalig zu sehen. Und auch wenn sie spät, nämlich in der dritten Szene richtig Tritt fasste, so scheint sie doch die erste echte Inszenierung, die heuer im Festspielhaus gezeigt wird. Nach Schlingensiefs "Parsifal"-Performance und den singenden Säulen in Arlauds "Tannhäuser" begegnen einem endlich leibhaftige, glaubhafte Menschen mit Macken und Tiefenschärfe. Wobei Jürgen Flimm, der ja gern in Hopplahopp-Stimmung Regie entwirft, der Boulevardcharakter des "Rheingolds" auch entgegenkommt.

<P>Wotan erwacht also nach durchsoffener Nacht, Alberich ist das Manager-Ekel, Freia das Dummchen und die Riesen Gastarbeiter aus Indianerland: Wer sonst sollte wohl schwindelfrei Wallhalls Höhen erbauen? Schade nur, dass von der funkelnden "Rheingold"-Konversation kaum etwas zu verstehen war. Alan Titus (Wotan) produzierte gemächliche Klangströme, sparte offenbar Kraft für "Walküre" und "Siegfried" und entdeckte Konsonanten erst in den letzten 20 Minuten. Auch Hartmut Welker (Alberich) begann zurückhaltend, steigerte sich aber zu expressiver Größe, verdeutlichte das Schicksal dieser korrumpierten und traurigen Gestalt.</P><P>Welker bildete zusammen mit Arnold Bezuyen (Loge) den Mittelpunkt der Aufführung. Etwas spöttelnde Tenor-Eleganz, ein Schuss "Gräfin Mariza", dabei nie zu dick aufgetragen - fertig ist die amüsante Charakterstudie von Bezuyen, der seine Karriere in Gustav Kuhns Tiroler "Ring" begann. Wie in München war auch Mihoko Fujimura in Bayreuth eine Fricka von coolem, großstimmigem Charme. Simone Schröder (Erda) zeigte den Kollegen, wie sich vokale Schönheit mit meisterlicher Technik und Ausstrahlung verbinden lässt. Anja Kampe (Freia), Michael Howard (Mime), Johann Tilli (Fasolt), Philip Kang (Fafner), der vom "Parsifal" sichtlich erholte Endrik Wottrich (Froh) und Olaf Bär (Donner) bildeten ein solides bis festspielwürdiges Ensemble - wobei Bär viel zu spät für Bayreuth entdeckt wurde. Ein Darsteller seines Formats droht, mit einer Nebenrolle glatt Wotan und Alberich zu verdrängen. </P><P>Jedes Mal ein Erlebnis ist es, wie sich das tiefe "Es" des Vorspiels materialisiert. Und Adam Fischer begann mit dem Orchester unerhört leise, delikat, fand aber dann nur selten zu bezwingenden Momenten, erst die vierte Szene hatte klanglich und dramatisch Profil. Nach Boulez und Thielemann ist natürlich eine äußerst undankbare Situation eingetreten, und Fischer versteht sich zudem als Dirigent, der Sänger nicht in den Klang "einbaut", sondern ihnen dient. Dennoch blieb der Eindruck, als habe Fischer sich nicht genügend an der Überfülle der Partitur bedient. Was kein grundsätzliches Problem sein muss: In den ausstehenden drei "Ring"-Teilen kann er ja noch zulangen.</P>

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