+
Federico Sánchez, hier im Hofgarten, ist traurig, dass Kollegin Anna McCarthy nicht beim Gespräch dabei sein kann; sie ist krank. Mit ihr zusammen gestaltet er eine ganz besondere Lesereihe im Kunstverein. F: R. Kurzendörfer

Freie Künstler engagieren sich

Endlich Raum für die Bohème

München - Im Kunstverein startet eine neue Reihe: „No Country For Odd Poets“ stellt Autoren vor, die sonst niemand nach München holt.

Alles ist vergänglich. Besonders rasch verschwinden in München Kleinode der Gegenkultur. Kaum etwa haben Künstler ein paar schäbige Räume für ihr Treiben gefunden, werden diese verkauft. Federico Sánchez und Anna McCarthy hatten irgendwann die Nase voll davon. Bei zwei freien Kulturprojekten mischten der Musiker und die Künstlerin mit: dem Puerto Giesing an der Tegernseer Landstraße und dem Art Babel in der Maxvorstadt. Beide Orte wurden 2010 und 2011 wegsaniert. „Das Damoklesschwert schwebte stets über uns“, erinnert sich Sánchez. Aus diesem Grund nannte er seine fürs Art Babel konzeptionierte Lesungsreihe damals trotzig „Kein Land für alte Dichter“, frei nach dem Coen-Brüder-Film „No Country for Old Men“. Trotz all der Damoklesschwerter gibt es die Reihe noch.

Mittlerweile heißt sie „No Country For Odd Poets“ (Kein Land für seltsame Dichter), wird von Sánchez und McCarthy betrieben und hat seit einem Jahr eine feste Bleibe im Münchner Kunstverein. Für den 21. Mai haben die beiden Kevin Vennemann in die Räume in den Hofgartenarkaden geladen. Er wurde 2005 durch seinen Roman „Nahe Jedenew“ über ein Judenpogrom in Osteuropa bekannt. Nun wird er sein Buch „Sunset Boulevard“ vorstellen, in dem er sich mit der modernen Architektur in Los Angeles, sozialen Klassen und mit von der Geschichte ausgeklammerten Toten auseinandersetzt.

Solche Themen und Autoren sind charakteristisch für die Reihe. Oder wie Sánchez erklärt: „Wir wollen Leute holen, die sonst niemand nach München bringt.“ In der Vergangenheit waren die US-Schriftstellerin und Filmemacherin Chris Kraus, der Beatnik-Dichter John Giorno und der Künstler Wolfgang Müller, einst Mitglied der Berliner Avantgardegruppe Die Tödliche Doris, zu Gast. Diesen Nischenfiguren der Literatur- und Performanceszene widmet sich „No Country For Odd Poets“, weil es sich selbst als Nische begreift. Schließlich stecken dahinter keine Kulturfunktionäre, sondern zwei Vertreter jener Subkultur, die man einst als Bohème bezeichnete.

Sánchez, 36, begann als Musiker, unter anderem bei der Münchner Post-Krautrock-Kapelle Kamerakino. Er spielt heute in der nicht minder schrägen Combo Das weiße Pferd, schreibt Kurzgeschichten, Filmkritiken, legt als DJ auf und überlebt „von einem Tag auf den anderen“. Anna McCarthy ist 32, Künstlerin, Dichterin, Übersetzerin und Bassistin der Band Damenkapelle. Selbstverständlich unterscheidet sich der Ansatz zweier Menschen ohne feste Stelle, ohne feste Funktion von dem der etablierten Szene. „Wir selbst bewegen uns in einem Künstlernetzwerk, das Dinge realisieren will, ohne als Erstes darüber nachzudenken, ob daraus ein Geschäft werden kann“, sagt Sánchez. „Es ist ein zäher Kampf, diesen Ansatz in einer Stadt wie München auf Dauer in Gang zu halten.“

Zwar sind die beiden froh, dass ihre Lesereihe mit vier Abenden pro Jahr im Kunstverein eine Bleibe gefunden hat. Ein bisschen Angst davor, durch die neue Beständigkeit selbst zur Institution zu werden, ist jedoch geblieben. Um das zu verhindern, tragen McCarthy und Sánchez ihre Gäste in die Öffentlichkeit hinein. Jeweils am Nachmittag vor der Lesung dürfen die Literaten auf einem Pferd durch den Hofgarten reiten. Anna McCarthy filmt und projiziert das während der Lesung an die Wand. Diesen Dienstag allerdings muss das Spektakel ausfallen. „Kevin Vennemann ist leider allergisch und mag Pferde grundsätzlich nicht besonders“, erklärt Sánchez. Er liebäugelt allerdings schon mit einer Alternatividee: „Vielleicht machen wir stattdessen eine Fotostrecke beim Pferdemetzger. Das würde zum Morbiden in Vennemanns Texten passen.“

Von Katrin Hildebrand

Lesung:

21.5., 20 Uhr, Kunstverein, Galeriestr. 4; Eintritt: 3 Euro.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Hamlet ist Richter und Henker“
München - Gleich zum Auftakt des Jahres lassen es die Münchner Theater krachen. Wenige Tage nach „Macbeth“ am Residenztheater folgt in den Kammerspielen ein weiterer …
„Hamlet ist Richter und Henker“
Die Fantastischen Vier in der Oly-Halle: Mit fantastischen Grüßen
München - Wer das Wort „fantastisch“ im Namen führt und auszieht, sein Best-of unters Volk zu bringen, der hängt die Messlatte hoch. Die Fantastischen Vier erfüllen den …
Die Fantastischen Vier in der Oly-Halle: Mit fantastischen Grüßen
Im Reich von Mode und Magie
Zürich - Spätestens seit dem Terroristen-Epos „Carlos“ ist der französische Filmemacher Olivier Assayas auch deutschen Kinofans ein Begriff. Sein preisgekröntes Drama …
Im Reich von Mode und Magie
Mordmotor mit Unwucht
Andreas Kriegenburg inszenierte William Shakespeares „Macbeth“ fürs Münchner Residenztheater
Mordmotor mit Unwucht

Kommentare