Endlösung im sowjetischen Stil

- "Die Unfähigkeit des modernen souveränen Staates, große Minderheiten innerhalb seiner Grenzen zu tolerieren, führt manchmal zu Assimilationsprogrammen und manchmal zu ethnischen Säuberungen - je nach politischen Umständen und historischem Kontext." Und, wie in jüngster Zeit zu oft und zu schmerzhaft erfahren - zu Terror. Norman M. Naimark, Geschichtsprofessor an der Stanford University, USA, hat in seinem Buch "Flammender Hass - Ethnische Säuberungen im 20. Jahrhundert" jene Brennpunkte Europas dargestellt und analysiert.

<P>Neben den Kapiteln über Armenier und anatolische Griechen, zur Judenverfolgung im "Dritten Reich", der Vertreibung der Deutschen aus Polen und der Tschechoslowakei sowie über die Kriege im ehemaligen Jugoslawien ist es vor allem eine Fallstudie, die in diesen Tagen besonders interessiert: "Die sowjetische Deportation der Tschetschenen-Inguschen und der Krimtataren".</P><P>Es muss doch zugegeben werden, dass bis zum Kriegsbeginn in Tschetschenien hier zu Lande, abgesehen von den Experten, kaum einer von der Existenz dieser Teilrepublik Russlands Kenntnis hatte. Wer wusste schon von Inguschetien? Und erst der Terrorakt in Beslan konfrontierte die Durchschnittsdeutschen damit, dass es auch ein Nordossetien gibt.<BR>Für diese Unkenntnis muss sich niemand genieren. </P><P>Denn die Namen Tschetschenien und Inguschetien waren in der Sowjetunion über Jahrzehnte ausgemerzt. Diese Nationen existierten offiziell überhaupt nicht, auch nicht ihre Sprache, nicht die Orts- und Straßennamen. Sie verschwanden aus Geschichtsbüchern und Enzyklopädien. Nationale Minderheiten waren aber nicht erst unter kommunistischer Herrschaft im riesigen Russland unerwünscht. Verfolgung und Deportation haben eine lange Geschichte _ begonnen im Zarismus, bis zum Exzess ausgeführt von der UdSSR.</P><P>1921 gründeten die Sowjets eine Sowjetische Bergrepublik, die die meisten Völker des Nordkaukasus, darunter Tschetschenen und Inguschen, umfasste. Ein Jahr später aber beschloss man schon wieder, diese Bergrepublik in kleinere nationale Einheiten aufzuteilen. Denn Stalin, selbst Kaukasier, sah in der Autonomie dieser Völker von Anfang an Sprengkraft für den neuen, kommunistischen Sowjetstaat.</P><P>Deportation der Muslime</P><P>Nur zu gern griff Stalin Pläne aus zaristischer Zeit auf, die weit verstreuten Nationalitäten umzusiedeln, also zu deportieren. 1936 verkündete Stalin per Verfassung die Erreichung des Sozialismus und führte damit die rechtliche Kategorie des "Volksfeinds" ein. Damit hatte er eine Legitimation, gegen alle dem "großen russischen Volk" angeblich feindlich eingestellte Völker vorzugehen. Erste Deportationen wurden 1937 vorgenommen. Die Fortsetzung in großem Maßstab erfolgte dann im Schatten des Zweiten Weltkriegs. Unter dem Vorwand, Tschetschenen, Inguschen und die angrenzenden muslimischen Völker in Dagestan würden mit den Deutschen kollaborieren, wurden diese Völker aller Rechte beraubt, in die Wüste Kasachstans oder nach Kirgisistan gebracht und hier teilweise liquidiert. Angestrebt wurde eine "Endlösung im sowjetischen Stil".</P><P>Offiziell wurde die Region 1944 aufgelöst, und die benachbarten Republiken Dagestan, Georgien, Nordossetien verleibten sich die ihnen zugewiesenen Teile des tschetschenischen und inguschetischen Landes ein. Erst 1956, nach Chruschtschows Geheimrede über die Exzesse des Stalinismus, wagten Tschetschenen den weiten Weg zurück in die Heimat. Aber eine offizielle Erlaubnis hatte es dafür nie gegeben, dauerhafte Konflikte waren programmiert, die "Sowjetisierung" galt als misslungen. Die "Putisierung" ebenso.</P><P>Der Brandherd bleibt, was gleichfalls krass auf eine andere zum Teil eliminierte Nation zutrifft: die Krim-Tataren. Naimarks Buch ist in dieser Hinsicht eine Notwendigkeit: Es hilft, die Geschichte zu verstehen.</P><P>Norman M. Naimark: "Flammender Hass _ Ethnische Säuberungen". Verlag C. H. Beck, München, 301 Seiten; 26, 90 Euro.<BR></P>

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