Endlosschleife ohne Solidarität

Kammerspiele: - Der Dauerlauf des René Pollesch geht weiter: Im Neuen Haus der Kammerspiele schickt er seine Schauspieler im Höchsttempo durch ein doppeltes Spiel um Identitäten, um Pornografie und Kapitalismus. "Solidarität ist Selbstmord" heißt das neue Stück des Berliner Regisseurs, warum, weiß niemand.

Wer nicht genau aufpasst, verschläft den Anfang. Die Stimmung im Neuen Haus der Münchner Kammerspiele ist auf Lässigkeit getrimmt, die Musik beplätschert unauffällig das Publikum; wenn sich hier keine Entspannung breit macht, wo dann? Wer will, trinkt Bier. Im Abhänge-Salon des René Pollesch vergisst man schnell, warum man eigentlich gekommen war. "Es gab in der Geschichte vier bedeutende Bankraubzüge..." Fast geht es unter, wenn schließlich Sylvana Krappatsch mit diesem lapidar dahingesagten Satz den fließenden Übergang zum Rollenspiel des Abends einleitet, das unter dem Titel "Solidarität ist Selbstmord" verkauft wird.

Nicht nur der Unauffälligkeit des Satzes wegen, auch weil Krappatsch und ihre fünf Spiel-Kumpane nicht leibhaftig anwesend sind, sondern über eine Videoleinwand tigern -­ live übertragen aus dem Foyer des Hauses. Video ist ein Muss bei René Pollesch, Medialität ein Dauerbrenner in seiner Arbeit, mit der er inzwischen flächendeckend die deutschsprachigen Theater geflutet hat und im Jahr 2005 auch erstmals in München aufschlug.

Immerzu springt auch jetzt eine Kamerafrau um die Schauspieler herum. Doch diesmal reizt Pollesch das Spiel mit der Kamera aus. Ganze 20 Minuten dauert es, bis die Darsteller zum ersten Mal in persona vor das Publikum stürzen, kurz zwischen Wandschrank, Sperrholztür, Café-Tisch und mysteriösem Vorhang-Zelt herumsausen, und schwupps, schon waren sie wieder weg. Der Souffleur dackelt hinterher.

Weit mehr als die Hälfte der einstündigen Aufführung spielt sich auf der Leinwand ab. Doch was heißt schon "spielen"? Feste Rollen gibt es nur auf dem Papier, Schauspieler sind Sprachrohre, Identitäten verschieben sich, Geschlechter: ohne Bedeutung. "Mein Name ist Dirk Diggler", sagt Sebastian Weber, "jedenfalls werde ich mich in Kürze so nennen". Dieser Dirk Diggler ist selbst eine mehrfache Rolle: Künstlername eines Pornodarstellers in dem amerikanischen Spielfilm "Boogie Nights", gespielt wiederum von Mark Wahlberg.

Mit dem doppelten Boden der Identitäten werkeln auch die anderen Schauspieler. Die Grundlage dafür bietet das Kino. Pollesch kleidet seine Schauspieler nicht nur in die Roben aus "Boogie Nights", Vittorio de Sicas "Jagt den Fuchs" gibt die eigentliche Lesart vor: Ein Bankräuber inszeniert darin einen Filmdreh, um seine Beute unerkannt schmuggeln zu können. Das Verbrechen wird zum Spiel, sogar die Polizei hilft mit.

Immerfort kreist die neueste Arbeit von Pollesch um den Punkt, an dem Inszenierung in die Wirklichkeit schwappt, wo das Rollenspiel zum Leben wird. Das mit "Boogie Nights" ständig beschworene Pornomilieu liefert das Sinnbild für diese Grenzüberschreitung: Auf nur gespielte Lustschreie folgt dort der wahrhaftige Erguss. Dass es in der dramaturgischen Endlosschleife endet, wenn die Schauspieler so tun, als würden sie nicht so tun als ob, bleibt allerdings eine dürftige Erkenntnis.

Doch das ist ohnehin nur Text, nachzulesen auf Papier, nurmehr herausgeschleudert von den Schauspielern in einem ewigen Dauerfeuer, das Popkultur in philosophische Lyrik verpackt und allzu oft mit nichts als Schlagworten aufwartet. Was das alles mit Solidarität zu tun hat? René Pollesch hatte sich offenbar von einem Aufsatz Carl Hegemanns inspirieren lassen, "Ist Solidarität Selbstmord?" fragt der Berliner Dramaturg darin. Doch dessen These, dass Mitgefühl und Hilfe den Kapitalismus zugrunde richten würden, hat sich wohl im unberechenbaren Pollesch-Probenprozess verloren.

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