Endstation des großen Abenteuers

- Unter dem Titel "Heureka!" ("Ich habe es gefunden") hat der ungarische Schriftsteller Imre Kertész am Samstag in Stockholm die traditionelle Nobel-Vorlesung drei Tage vor der Entgegennahme des diesjährigen Nobelpreises für Literatur gehalten. Der 73-Jährige sagte dabei unter anderem:

<P></P><P>"Rasch sah ich ein, dass mich nicht im geringsten interessierte, für wen ich schrieb, und auch nicht, warum ich schrieb. Mich interessierte nur eine Frage: Was hatte ich überhaupt noch mit der Literatur zu tun? Denn das war klar, von der Literatur und von dem Geist, den Ideen, die mit diesem Begriff verbunden sind, trennte mich eine unübertretbare Demarkationslinie, und diese Demarkationslinie trug - wie so vieles andere auch - den Namen Auschwitz. Wenn jemand über Auschwitz schreibt, muss ihm klar sein, dass Auschwitz die Literatur - wenigstens in einem bestimmten Sinn - aufhebt.</P><P>Über Auschwitz kann man nur einen schwarzen Roman schreiben, einen, mit allem Respekt gesagt: Kolportageroman in Fortsetzungen, der in Auschwitz beginnt und bis zum heutigen Tag dauert. . . Der Holocaust konnte in meinem Werk niemals in der Vergangenheitsform erscheinen.</P><P>Man pflegt über mich zu sagen - und das ist mal als Lob und mal als Tadel gemeint -, dass ich nur ein Thema habe: dass ich ein Schriftsteller des Holocaust sei. Dagegen habe ich nichts einzuwenden; weshalb sollte ich - von gewissen Einschränkungen abgesehen - diesen mir zugewiesenen Platz in den dafür vorgesehenen Regalen der Bibliotheken nicht einnehmen?</P><P>Welcher Schriftsteller ist heute nicht Schriftsteller des Holocaust?. . . Ich habe nie versucht, den als Holocaust bezeichneten Problemkreis als so etwas wie einen unaufhebbaren Konflikt zwischen Deutschen und Juden zu betrachten; ich habe nie geglaubt, er sei etwa das jüngste Kapitel der jüdischen Leidensgeschichte, das logisch auf die vorangegangenen Prüfungen gefolgt ist; ich habe ihn nie als sogenannten einmaligen Ausrutscher der Geschichte gesehen,. . . als die Vorbedingung für die Entstehung des jüdischen Staates. Ich habe im Holocaust die Situation des Menschen erkannt, die Endstation des großen Abenteuers, an der der europäische Mensch nach zweitausend Jahren ethischer und moralischer Kultur angekommen ist.</P><P>Uns bleibt jetzt zu überlegen, wie wir von hier aus weiterfinden. Das Problem Auschwitz besteht nicht darin, ob wir sozusagen einen Schlussstrich darunter ziehen oder nicht; ob wir es im Gedächtnis bewahren sollten oder in der entsprechenden Schublade der Geschichte versenken; ob wir für die Millionen von Ermordeten Mahnmale errichten und wie sie beschaffen sein sollten. Das wirkliche Problem Auschwitz besteht darin, dass es geschehen ist und dass wir an dieser Tatsache. . . nichts ändern können."</P><P>Vollständiger Redetext auf Deutsch unter http://www.svenskaakademien.se/nobelpris/2002/ </P><P> </P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Ein Hoch auf uns – Warum?“
Er ist Kapitän der Rockband Eisbrecher, deren neues Album „Sturmfahrt“ jetzt erscheint. Wir sprachen mit Alexander Wesselsky über die neue Platte, billiges Fleisch und …
„Ein Hoch auf uns – Warum?“
Kas mit Karoline
Das New Yorker Regieduo 600 Highwaymen versuchte sich im Auftrag der Salzburger Festspiele an Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“. Lesen Sie hier unsere …
Kas mit Karoline
Am 11. September 2017 startet der Münchner Krimi-Herbst!
Beim Münchner Krimi-Herbst des Internationalen Krimifestivals München lesen hochkarätige Krimi- und Thriller-Autoren aus aller Welt aus ihren Büchern.
Am 11. September 2017 startet der Münchner Krimi-Herbst!
Große Ehre für Mutter Zivilcourage der Bairischen Sprache
„Gscheid gfreid“ hat sich Martina Schwarzmann am Sonntag. Die Kabarettistin erhielt die „Bairische Sprachwurzel“. Damit wurde ihr Einsatz zur Rettung der Dialektvielfalt …
Große Ehre für Mutter Zivilcourage der Bairischen Sprache

Kommentare