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Starbesetzung: Lambert Hamel als soignierter Werner von Späth und Juliane Köhler als Zappelgirlie Christine.

Endstation Sehnsucht

München - Klamotte in einer süffigen Siffbude: Tina Lanik inszenierte die Uraufführung von Thomas Jonigks „Hotel Capri“ fürs Cuvilliéstheater. Lesen Sie hier die Premierenkritik:

Es ist schon eine süffige Siffbude, die Stefan Hageneier da auf die Bühne des prachtvollen Münchner Cuvilliéstheaters gebaut hat: Die grau-verstaubten Wände ziert geschmackvolles Palmwedel-Design, der Sessel stammt aus den 50ern, und wenn eine der vielen Türen aufgeht, die man in der Boulevardkomödie ja braucht, dann fällt der Blick in ein Badezimmer des Grauens, wo über den Fließen noch die 70er-Jahre-Tapete prangt. Nur Fenster hat dieses Wohn-Loch in einer Absteige namens Hotel Capri keine.

Und „Hotel Capri“ heißt auch die gut einstündige, aber gefühlt zweistündige Halluzinations-Klamotte, die der Erfolgsdramatiker Thomas Jonigk im Auftrag des Residenztheaters schrieb. Erfreulich ist an dieser Uraufführung vor allem die Starbesetzung: Erstmals nach dem Intendantenwechsel tritt der große Lambert Hamel wieder am Staatsschauspiel auf. Als soignierten Herrn, der eine Art Versuchung des Antonius erlebt, gibt er den alternden Apotheker Werner von Späth. Der hat sich noch einmal im Zimmer 11 des Hotels Capri einquartiert, wo er 1966 als Jugendlicher homoerotische Schäferstündchen mit Franz (Arnulf Schumacher), dem Freund aus dem Fußballverein, hatte.

Aber weil das Herzmittel, das Späth einnehmen muss, laut Beipackzettel Wahnvorstellungen auslösen kann, ist das Zimmer plötzlich voll von Leuten, für die das Hotel Capri quasi die Endstation Sehnsucht darstellt: Naheliegend noch die beiden „Jungs“ im Sportdress, die als Verkörperung von Werners Erinnerungen immer wieder aus dem Schrank und ins Bett purzeln. Überraschender und somit komischer ist da aber schon die prollige Jessica (Katrin Röver), die verkündet, das Telefon auf dem Nachttisch sei „im Arsch“; und passenderweise fläzt sich dieses phlegmatische Zimmermädchen dann gleich so breit aufs Bett des Gastes, dass man ihr üppiges Cellulite-Hinterteil in den kleidsamen weißen Leggings bewundern kann. Ihr Chef hingegen, der zauselige Herr Buchmoser (Götz Schulte), faselt was von „Wellness-Oase“, „Aircondition“ und „Minibar“, weil er sein „City Hotel Capri“ in drei bis vier Jahren in eine Nobelherberge verwandeln werde.

Die Hauptattraktion dieses Panoptikums ist freilich Juliane Köhler als nicht mehr ganz taufrisches Zappelgirlie in rosa Plüschfummel und Plastikpumps. Während ihre tiefsitzende Hose den Blick auf ein Nichts von Tangaslip freigibt, behauptet diese Christine, das Zimmer („die Flitterwochen-Suite“) ebenfalls gemietet zu haben und schwallt den armen Apotheker mit überdrehtem (Liebes-)Geplapper zu, wenn sie nicht gerade auf dem Bett herumhopst. Klar, dass diese leicht verstrahlte Barbie, die von der Südsee träumt, alles „hypermäßig“ findet, aber dafür treuherzig bekennt: „Im Notfall kann ich mega-penetrant und anstrengend sein.“ Wer hätte das gedacht. Zu allem Überfluss taucht auch noch ihr Ex-Freund Hubert (Wolfram Rupperti) auf, in dessen Drogerie sie doch tatsächlich „zehn Prozent Rabatt“ auf alles kriegt – „ausgenommen Elektroartikel“.

Nichts gegen solche Running Gags, aber fast scheint es doch konsequent, wenn diese Aufführung genauso „fensterlos“ geriet wie der Ort der Handlung: Statt das Stück zur melancholisch-grellen, von Fellini-Figuren bevölkerten Farce hochzuschrauben, um uns einen Durchblick auf den Irrwitz der Wirklichkeit zu gewähren, lässt Regisseurin Tina Lanik den routiniert-biederen Text so metiersicher, aber auch so unverbindlich vom Blatt spielen, wie man es von ihr gewohnt ist. Die Atmosphäre wirkt steril, statt einen surrealen Albtraum zu evozieren. Aber ohne gespenstischen Hallraum bleibt die Komik im Gag stecken und der Abend im Tür-auf-Tür-zu-Boulevard. „Hypermäßig“ ist das nicht, jedoch mäßig unterhaltsam. – Freundlicher Applaus.

Alexander Altmann

Nächste Vorstellungen

am 26. September und 4. Oktober, Karten unter Telefon 089/ 21 85 19 40.

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