Baals Tage sind gezählt.

Nach "Baal"-Urteil

Endstation Suhrkrampf

München - Das Münchner Residenztheater kündigt einen „kreativen Umgang“ mit dem „Baal“-Vergleich an.

Am Tag danach meldet sich Martin Kušej als Erster zu Wort: „Man kann uns natürlich nicht das Theaterspielen verbieten, sondern nur die Verwendung bestimmter Texte in bestimmten Zusammenhängen“, lässt der Intendant des Münchner Residenztheaters mitteilen – und kündigt an: „Wir werden daher selbstverständlich nach einem kreativen Umgang mit der entstandenen Situation suchen.“ Wie berichtet, darf Kušejs Haus Frank Castorfs Inszenierung von Brechts „Baal“ nur noch zweimal zeigen: einmal in München und einmal im Mai beim Berliner Theatertreffen. Auf einen entsprechenden Vergleich hatten sich der Suhrkamp Verlag und das Staatsschauspiel am Mittwoch nach sechseinhalbstündiger Verhandlung vor dem Münchner Landgericht geeinigt. Zuvor hatte der Verlag als Vertreter der Brecht-Tochter Barbara Brecht-Schall die Produktion mit der Begründung, es handle sich um eine „nicht autorisierte Bearbeitung“, verbieten lassen wollen.

Bei Beobachtern des Prozesses sorgte der Auftritt von Suhrkamp-Anwalt Roland Schmidt sowie der Justiziarin des Verlags für Verwunderung. Der Vorsitzende Richter Andreas Müller hatte diese mit (über-)deutlichen Hinweisen zu einem Vergleich zu bewegen versucht („Sie sind auf der Rasierklinge unterwegs. Nur dass Sie das wissen.“) und die offenbar unzureichende Vorbereitung des Prozesses bemängelt: „Man muss seine Waffen sortieren, bevor man in die Schlacht zieht.“ Für besondere Heiterkeit bei den Zuschauern im vollbesetzten Saal 601 sorgte die Tatsache, dass die Vertreter der Anklage den Erbvertrag nicht dabei hatten und sich das Dokument an die Pforte des Landgerichts faxen ließen; ein Justizmitarbeiter brachte – gleich einem Boten auf dem Theater – das sehnlichst erwartete Papier. All das war Suhrkrampf.

Während sich Castorf und Suhrkamp auf Anfrage unserer Zeitung nicht äußern wollten, lässt Kušejs Erklärung Raum für Spekulationen. Denn wie der „kreative Umgang“ aussehen könnte, konnte das Theater noch nicht sagen. Vor zwei Jahren gab es aber am Deutschen Theater Berlin ein Beispiel solcher Kreativität: In der Inszenierung „Agonie“ spielten Jürgen Kuttner und Tom Kühnel Lieder aus Brechts „Die Mutter“ ein. Die Erben gingen dagegen vor, die Lieder wurden gestrichen. Stattdessen unterbrach Kuttner fortan jede Aufführung, um dem Publikum die Situation zu erklären.

Schon 1975 konnte eine Inszenierung der „Dreigroschenoper“ in Köln nicht weiter gezeigt werden, weil Barbara Brecht-Schall den Aufführungsvertrag der ihr unliebsamen Produktion nicht verlängerte. Im Jahr 2000 verloren die Brecht-Erben allerdings in einem anderen Fall vor höchster Instanz: Der Dramatiker Heiner Müller hatte in sein Stück „Germania 3“ Brecht-Zitate eingearbeitet. 1998 wurde die Verbreitung des Textes verboten, das Bundesverfassungsgericht gab Müllers Verlag aber zwei Jahre später Recht. Oft gewinnen jedoch die Kläger – oder es kommt zum Kompromiss, wie auch Castorf weiß: Im Jahr 2000 kam seine Interpretation von „Endstation Sehnsucht“ bei Tennessee Williams’ Erben gar nicht gut an. Als „Endstation Amerika“ durfte sie an Castorfs Berliner Volksbühne aber laufen.

Johanna Popp und Michael Schleicher

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