Endzeit, Suff und Seligkeit

- Das ist ja wieder das Schöne daran: Die erste Neuinszenierung der diesjährigen Salzburger Festspiele, "Geschichten aus dem Wiener Wald" von Ödön von Horvá´th (1901- 1938), ist eine Koproduktion mit dem Bayerischen Staatsschauspiel. Die Aufführung wird im Herbst im Münchner Residenztheater herauskommen. Die Baseler Regisseurin Barbara Frey also hätte bis dahin Zeit, das Stück zu Ende zu inszenieren. Denn was jetzt bei der Premiere im Salzburger Landestheater zu sehen ist, hinterlässt den Eindruck des Unfertigen, nicht zu Ende Gedachten. Sehr dichte, starke Szenen, grotesk, komisch, anrührend; daneben erstaunlich läppisch Improvisiertes, Hinzuerfundenes, den Rhythmus von Sprache und Szenenablauf empfindlich Störendes. Zu viel Schweizer Käse. Zu viele Löcher.

"Was hast du mit mir vor, lieber Gott?" MarianneSo wie das Bühnenbild von Bettina Meyer: ein heller Einheitsraum mit durchlöcherten Wänden. Durch die schauen und sprechen immer wieder die Schauspieler. Und wer als Zuschauer das Glück hat, nahe genug an der Bühne zu sitzen, kann auch ihre Gesichter erkennen. Als sei das Ganze eine große Peepshow, ehe Valerie und Zauberkönig, Marianne, Rittmeister und Oskar durch die schmalen Schwingtüren die Bühne betreten. Über allem die große Linse einer Kamera,  die  jedes  neue Bild kintoppmäßig mit Schriftzug und Natur-Video betitelt. Inhaltlich bedeutungslos, szenisch nicht zwingend, also überflüssig. Dennoch: Hier wird in einem großartigen Stück, dessen Schauplätze Wien und die Wachau sind, erzählt - vom Bankrott der kleinen Leute, von dem Elend Europas, vom drohenden Krieg, vom heraufziehenden Faschismus. Dass dies hauptsächlich durch Norddeutsche geschieht, ist kein Manko. So lange sie Horvá´ths Text und seiner Sprachmelodie folgen, bleibt die Doppelbödigkeit der Figuren erhalten: ihre Kälte und ihre Zerrissenheit, ihre Geldgier und ihre Geilheit, ihr Lebenstrotz und ihre Ausweglosigkeit.Barbara Frey hat geschickt den Text gekürzt und bewahrt mit ihrem kühlen Zugriff und unter Verzicht aufs Absingen Wiener Lieder das Stück vor vermeintlicher Volkstheatertümlichkeit. Und macht sehr deutlich: die brutale Einheitsfront der Männer gegen die Frauen, über alle persönliche Rivalität hinweg. Wenn die Horvá´th-Gesellschaft mit Picknickkorb, Wein, Salami und Küchenrolle an die schöne blaue Donau zieht oder zum Heurigen, dann schickt Frey ihre Schauspieler wie beim Männleinlaufen immer wieder neu über die Bühne, jedes Mal sind sie betrunkener, bis sie schließlich auf allen Vieren gekrochen kommen. Und für einen Moment entsteht dann so eine "Fledermaus"-Orlowsky-Stimmung: Endzeit, Suff und Seligkeit.Dazu stehen der Regisseurin in den Protagonistenrollen Münchens hervorragende Schauspieler zur Verfügung. Erstens: Lambert Hamel als Zauberkönig. Warum er als Puppen- und Spielzeugmacher diesen Namen trägt, darf er zwar in dieser Inszenierung nicht deutlich machen. Aber er spielt diesen hartherzigen Alten mit einer erstaunlichen Radikalität. Ganz ohne Schmäh, kalt, ichbezogen. Lächerlich in seiner Gier nach Sex, weinerlich in seinem Selbstmitleid, anrührend in dem Moment der Erkenntnis, das eigentlich Valerie für ihn die richtige Frau fürs Leben gewesen wäre. Dass Hamel darüber hinaus der Regisseurin in ihrem Neuerungswahn folgt, dass er sich beim Heurigen ins Häusl hocken muss, was alle anderen mit zugehaltenen Nasen quittieren, dass er im Striplokal trunken nach "nackerten Weibern" hüpft, dass er sich vom Schlag treffen, in den Rollstuhl bannen, eine Gesichtsmaske verpassen und darunter ein schiefes Maul erkennen lassen muss, das ist bedauerlich und ärgerlich.Zweitens: Sunnyi Melles als Valerie. Sie ist der Knaller des Abends. Ein Kabinettstück jagt das andere. Eine schauspielerische Großmacht. Die Regisseurin scheint ihr völlig verfallen zu sein. Und auch das Publikum ist es. Zu Recht. Lüstern bis in die Fingerspitzen und doch naiv von Kopf bis Fuß; ordinär in ihrem Fluchen und urkomisch in ihren Verführungskünsten: Wenn Sunnyi Melles sich auszieht am Donaustrand, in schwarzen Strapsen und Corsage sich scheinbar ertappt fühlt vom Zauberkönig, wenn sie dann im Badeanzug mit Lambert Hamel Trockenschwimmen trainiert, wenn sie bei den Schießübungen des kleinen Nazi-Preußen Erich (schöne Karikatur: Christian Friedel) bei jedem Knall einem Orgasmus näher kommt - dann ist das alles ganz wunderbar. Aber doch zu viel des Guten. Denn es verschiebt die Gewichtung des Stücks."Mariann, du wirst meiner Liebe nicht entgehn." Metzger OskarDrittens: Juliane Köhler als Marianne. Erzählt man Horvá´ths Geschichte nach, ist sie die Hauptperson. Denn sie ist das Opfer dieser Gesellschaft, die sich die "Gefallene" als Nackttänzerin auf einem großen Video anschaut. Das spielt Juliane Köhler sehr gut, fern aller Niedlichkeit, streng, keusch und stark, sich jegliche Extratouren versagend. Doch ist sie in dieser Inszenierung nicht der Mittelpunkt, auf den alles zustreben müsste. Wie von Ferne schaut sie auf die Turbulenzen der Melles. Und behauptet sich doch in der gelungenen Schlussszene, wenn sie - nach dem Tod ihres Kindes völlig am Ende - sich aufsammeln lässt von Oskar.Viertens: Thomas Loibl als Oskar. Ein verklemmter, verbogener, bigotter Typ, faszinierend dargestellt. Schwankend zwischen Abscheu und Mitleid.Fünftens schließlich: Michael von Au als Alfred. Was kann er dafür, dass die Frauen auf ihn fliegen? So fragt er einmal, dieser rabiate Filou und abgebrochene Rennbahn-König. Von Au stattet ihn mit dem nötigen Charme und Schmarotzertum aus. Brutal in seiner Schwäche. Täter und Opfer zugleich. Ein Glückskerl im ewigen Pech.Ausgenommen Gerd Anthoff als Rittmeister, hat es der Rest der Schauspieler schwer, sich zwischen diesen fünf zu behaupten. Das Stück aber hätte für die Salzburger Festspiele schon durchgehend gut besetzt sein dürfen.

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