Ene, mene, miste

- Schwerenöter und Trunkenbold, mordlicher Ritter und Kämpfer gegen herzogliche Hoheit, auch Dieb und empfindsam-derber Sängerdichter: Sollte Oswald von Wolkenstein, diesem prachtvollen, "frühbarocken" Mannsbild, wirklich erst Anno 2004, also rund 550 Jahre nach seinem Tod, ein eigenes Musiktheater vergönnt sein? "Wolkenstein", diese in Nürnberg uraufgeführte "Lebensballade", ist das Ergebnis eines Freundschaftspakts. Zwischen Initiator Bernd Weikl, dem für den Karriereherbst wohl eine dankbare Divo-Partie vorschwebte, Autor Felix Mitterer, Regisseur Percy Adlon und Komponist Wilfried Hiller. Das fränkische Opernhaus griff zu, demnächst wandert die Produktion gewissermaßen an den Genius loci, ans Teatro Communale zu Bozen.

<P>Hiller, durch seinen Lehrer Carl Orff mit Mittelalterlichem bestens vertraut, erwarb sich als Tonschöpfer im Dienste des Publikums (man denke an den "Goggolori" am Gärtnerplatz) große Meriten. Die scharfen Akkorde, mit denen "Wolkenstein" losplatzt und die sich Eiszapfen gleich ins Trommelfell bohren, führen daher in die Irre - keine Panik, der beißt nicht, der will nur spielen.</P><P>Kraftlose Produktion</P><P>Und dies besonders gern mit Oswalds originalen, dezent verfremdeten Weisen: Inseln der Poesie, um die sich das Stück gruppiert. Die Partitur ist, wie oft bei Hiller, eine polyglotte Klangschmelze. Aus packender Ostinato-Rhythmik, fast jazzigen Einsprengseln, mittelalterlicher Archaik, dabei - bis auf die gespreizte Dramatik der Margarethen-Partie - immer kantabel geschrieben, auf festem tonalen Fundament und hoch virtuos, unter Einsatz eines beachtlichen Schlagwerkapparats instrumentiert. Kleidet sich Hiller als Neutöner, zielt er aufs Groteske. Und diese schrillen Nummern, allen voran das Ene-mene-miste-Terzett der Päpste, verfehlen ihre Wirkung nicht.</P><P>Doch zwischen Derbheiten und Minnelyrik klaffen Lücken der Unschlüssigkeit. Hillers Lust am Fragmentarischen lässt ihn geschlossene Nummern nur kurz andeuten. Hat man sich eingehört, folgt prompt der harte Schnitt: eine Partitur wie ein ständiges, uneingelöstes Versprechen. Die grobmaschige Dramaturgie lässt Spannung nach kurzem Aufflackern verpuffen - und das bei einer Figur wie Oswald. Der gesprochene, gelegentlich musikalisch untermalte Dialog dominiert: Singspiel? Hillers "Wolkenstein" bleibt im Grunde Schauspielmusik.</P><P>Seltsam kraftlos ist diese Produktion, woran einer keine Schuld trägt: Felix Mitterer. Erstaunlich, wie er Oswalds Leben in acht Bildern fasste, wie er Originaldichtung einbettete, wie er mit kurzen, kräftigen Strichen das Personal skizzierte. In diesem Libretto steckt daher mehr als das muntere Volkstheater, auf das Hiller und Regisseur Percy Adlon mit seiner stilisierten Gestik das Stück verknappten. In Hartmut Schörghofers leicht wandelbarer Kulisse (der rotierende Gaze-Rahmen bleibt der beste Einfall) begegnet uns "Wolkenstein" als Märchenbilderbogen. Als Kostümfest, das Humor nur behauptet, das Konflikte etwa um Jan Hus ("Ich bin ain Sindär") zum Kasperlschwank ausdünnt, dabei Weltflucht als weinerliche Lebensmelancholie missversteht.</P><P>Rocker im dritten Frühling</P><P>Die Lederkluft, die Bernd Weikl zum Rocker im dritten Frühling macht, steht ihm gut. Auch edel verströmte Baritonkultur beweist: Weikls Stimme gehört noch immer zu den schönsten der Opernszene. Seine wuchtige Gestalt sichert ihm Präsenz, weniger sein begrenztes darstellerisches Potenzial, gegen das Adlon wenig auszurichten vermochte. Oswald in Kammersänger-Posen, so hatte man sich den Südtiroler Sünder ja eigentlich nicht vorgestellt.</P><P>Überschwänglich bedankte sich Hiller beim Ensemble. Er weiß, warum: Mit Vehemenz haben sich die Nürnberger zu Anwälten dieser "Ballade" gemacht, haben sich in die vertrackten Partien hineingedacht und sie mit vokalem und instrumentalem Glanz erfüllt. Besonders Frances Pappas (Salige/ Anna) demonstrierte, dass ein vielschichtiges, stimmlich fesselndes Rollenprofil möglich ist - trotz Adlons Regie. Waldemar Stutzmann (Michael), Karl-Heinz Macek (Friedrich) und Lothar Dellago (Sigmund) kosteten die Komödiantik ihrer Rollen aus. Und das Orchester unter Fabrizio Ventura klang derart versiert, als ob "Wolkenstein" seit Jahren im Repertoire läuft. Heftiger Applaus, nur anfängliche Buhs: In dieser Version bleibt Oswalds Debüt auf den Brettern des Musiktheaters problematisch. Oder sollte dies die erste Oper sein, die auch ohne Musik funktioniert . . .</P>

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