Energie einer Ära

- Oben sind, wie es sich gehört, die Höhepunkte. Großformate im höchsten Stuck-Villa-Geschoss. Sie leuchten mal auf wie farbige Kirchenfenster, mal stellen sie eine Symbiose aus Gemälde und Collage her, mal erzählen sie verrückte Geschichten, oder aber sie spinnen sich in Ornamente ein.

 Alle sind von enormer Vitalität und Kraft, pulsieren geradezu vor Lust an Bild und Plastik, an der Kunst, vor allem daran, neue Wege für sie suchen zu dürfen. Diese Werke sind über 40 Jahre alt, dennoch wirken sie heute unglaublich frisch. Man weiß nicht einfach bloß kunsthistorisch, dass sie die Aufbruchsstimmung der späten 1950er-Jahre und den Beginn der turbulenten 60er-Jahre bestrahlen, sondern man spürt in den Werken die Energie dieser Ära .

Lustvolle Provokation

Pia Dornacher hat für das Münchner Museum Villa Stuck die umfassende Ausstellung "Gruppe SPUR" kuratiert. Vielleicht findet man jetzt diese Künstler so spannend, weil Malerei wieder hoch gehandelt wird und man sich freut, einem Korrektiv zu begegnen. Denn viele, viele junge Produktionen schauen arg alt aus neben diesen Alten, die wahrhaft jung waren. Natürlich hatten sie damals den "Startvorteil", der Nazi-Ideologie und dem Kriegstod entronnen zu sein und quasi eine Wiedergeburt - auch eine künstlerische - erleben und mitgestalten zu dürfen. Das taten Lothar Fischer (1933-2004), Heimrad Prem (1934-1978), Helmut Sturm (Jahrgang 1932) und HP Zimmer (1936-1992), die sich 1957 in München zur Künstlergruppe SPUR zusammenfanden. 1966 führte die SPUR zu WIR und schließlich ins GEFLECHT, wo sie sich dann verlor.

Die Schau zeigt gut nachvollziehbar, wie die SPUR-Mannen sich damals in Informel, Art Brut und ozeanische Kunst hineinwühlten, aber auch Kandinsky, Klee oder Beckmann "bearbeiteten". Die vier wollten von allem etwas - und dadurch etwas Neues. Das posaunten sie auch in die Welt hinaus mit ihren Manifesten und ihrer Zeitschrift, worin sie schon ganz gern provozierten: "Wer in Politik, Staat, Kirche, Wirtschaft, Militär, Parteien, soz. Organisationen keine Gaudi sieht, hat mit uns nichts zu tun." Diese pfiffigen Gazetten, die einst beschlagnahmt wurden und zu einem (ziemlich erfolglosen) Prozess führten, sind nun zu sehen, und der Besucher kann sie im Katalog mit heimnehmen. Als Gruppe liebten die Künstler Diskussionen, schufen sogar gemeinschaftlich Objekte, darüber hinaus knüpften sie internationale Kontakte, etwa zu den Situationisten (Formung des Lebensraums).

Der Widerhall all dieser Kämpfe ist in der Stuck-Villa eher leise. Das Tamtam ist verklungen, lebendig geblieben sind die Werke. So sind in der Präsentation filigrane Grisaillen von Prem zu entdecken oder hell-zarte Farbnebel von Sturm. Oder Fischers fabulierlustige oder bedrohliche Skulpturen. Schon die frühen Arbeiten konzentrieren sich auf die Materialität. Die Bildoberfläche wirkt wie alter Verputz einer Außenmauer. Später werden Packpapier, verrostete Eisenplatten, Ölfarbkrusten, Kratzer, ja Abplatzungen, sodass die Leinwand herausschaut, verschmolzen. Die Menschenwirbel der "Facettenphase" werden zu ornamentalen Wucherungen, die in den Raum streben. Der Mensch wird als groteske Type in einer Commedia dell'Arte des 20. Jahrhunderts inszeniert. Daraus befreien kann ihn nur die Kunst: zum Beispiel Sturms "München II", ein rasender Farbstrom. Die Pinselstriche sausen umher, als würde ein gigantischer Magnet sie wie Eisenspäne dahin und dorthin ausrichten.

Bis 22. Oktober, Tel. 089/ 45 55 519, Katalog, Hatje-Cantz Verlag: 34 Euro.

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