Von Energie geschüttelt

- "Ich will doch anders rauskommen, als ich hineingegangen bin. Ich will mehr wissen. Theater ruft doch etwas hervor, weil Kräfte und Emotionen frei werden. Der Zuschauer merkt einem Sänger an, ob er eine Auseinandersetzung hinter sich hat. Denn niemand kann eine Santuzza oder einen Canio aus einer harmonischen Situation heraus singen. Diese Figuren sind von Energie geschüttelt."

Christian Sedelmayer (40) sprudelt förmlich über, wenn er von seiner Arbeit erzählt, aktuell von seiner Inszenierung des Opern-Doppels "Cavalleria rusticana"/ "Bajazzo" am Münchner Gärtnerplatz. An diesem Sonntag ist Premiere. "Es gab eine starke Reibung mit uns", sagt der gebürtige Münchner. "Bezahlt wird man eigentlich nicht für die künstlerische Arbeit, sondern fürs Überreden: des Intendanten, des Dirigenten, der Sänger, des Schneiders, des Bühnenmalers. Das zehrt an den Nerven. Ich muss sie alle, bis es irgendwann klick macht, überzeugen von meinem Konzept. So gesehen bekommt die Arbeit eine politische Dimension. Denn es geht darum zu fragen, welche Probleme darf ich laut aussprechen - hier am Gärtnerplatz. Eigentlich muss alles möglich sein, weil dieses Haus ein öffentlicher Raum ist."

Logischer Schritt zur eigenen Regie

Die oberflächliche "Liebe-Ehre-Eifersucht-Hass-Geschichte" in den beiden 116 und 114 Jahre alten Reißern von Leoncavallo und Mascagni interessiert Sedelmayer kaum. "In einer Opern-Stunde kann das Publikum nicht die ganze Geschichte erfahren. Ich muss mir das Davor und  das  Danach ausdenken; wir müssen Biografien erfinden, die zum Beispiel erklären, warum Santuzza eine Ausgestoßene ist. Das kann ich nicht in Worten oder Tönen einfügen, sondern ich muss es in Spuren zeigen."

Mit Ann-Katrin Naidu in der Premiere und Nathalie Boissy (am 18. Oktober) als Santuzza will der Regisseur den Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft plausibel machen. "Diese Frau ist eine große Figur, sie steckt nicht in einer alltäglichen Beziehungskrise, sie hat ein Lebensproblem. Und das ist, anders als ein Tagesproblem, eben nicht lösbar. Daraus ergibt sich das tragische Moment. Deshalb wird das große Gefühl erzeugt."

Obwohl Sedelmayer zunächst den mit Komik durchzogenen "Bajazzo" vor der tragischen "Cavalleria" spielen wollte, hat er sich der Tradition gefügt. Vor zwei Wochen erst. "Es ist theoretisch möglich", glaubt er, "aber die Bühne hat sich durchgesetzt." Die Klammer für beide Stücke ist für ihn die Verschiedenheit. Sowohl in der Darstellung als auch in der Optik. Deshalb hat er versucht, die Stücke "von Probe zu Probe weiter auseinander zu drängen, wie zwei Filme von verschiedenen Filmemachern".

Bei der Optik kann sich Christian Sedelmayer ganz auf sich verlassen, denn begonnen hat der Regisseur als Bühnenbildner. Schon in der Sollner Malschule seiner Mentorin Antje Tesche-Mentzen wurde seine Kreativität in allen Richtungen gefördert. Nach dem Tanzstudium (im Studio Inwanson) und Kunststudien in Paris und Rom gab ihm Jürgen Rose eine Chance als Assistent an den Kammerspielen. Als Bühnen- und Kostümbildner stattete er übrigens Doris Dörries ersten Regieversuch, "Così` fan tutte", in Berlin aus und erhielt dafür die Auszeichnung "Kostüm des Jahres".

Der "logische Schritt" zur eigenen Regie folgte sogleich: "Ich wollte autonom etwas auf die Bühne stellen, nicht nur den Rahmen liefern." Dass die Bühnenbilder für seine eigenen Inszenierungen immer karger ausfallen, erklärt sich Sedelmayer so: "Ich weiß als Regisseur, was darin passieren soll. Entsprechend schaffe ich mir den Raum." Für sein München-Debüt hat er sich indes seine Kostümbildner mitgebracht, Nicole von Graevenitz und Bettina Schanz. Und dass es im Vorfeld der Premiere zum Hausverbot für Thomas Gazheli kam, der als Alfio und Tonio vorgesehen war, bedauert Sedelmayer sehr. "Ich bin traurig, dass er nicht dabei ist."

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