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Spiel aus Licht und Schatten: Die New Yorker Tänzer sind noch bis 10. August im Deutschen Theater zu erleben.

Alvin Ailey American Dance Theater

Premierenkritik: Die Energie der Verzweiflung

München - Standing Ovations für das Alvin Ailey American Dance Theater zum Auftakt seines Münchner Gastspiels.

Es ist ein ständiges Wanken. Zwischen Lebensfreude, Hoffnung, Glaube und Trauer, Zweifel, Sehnsucht. Ein Hin- und Hertaumeln, und das mit dem gesamten Körper. Man muss nicht erst einen Horton-Kurs in der Alvin Ailey Dance School besucht haben, um nachvollziehen zu können, welche Körperbeherrschung die Tänzerinnen und Tänzer haben, die sich da gerade auf der Bühne des Deutschen Theaters in München verrenken. Horton, diese anspruchsvolle Tanztechnik, haben die 33 Mitglieder des renommierten New Yorker Ensembles perfektioniert.

Die Idee von Entwickler Lester Horton: Extrem langsame und extrem schnelle Bewegungen wechseln sich ab. Bei absoluter Körperkontrolle. In Kombination mit afrikanischen, elektronischen oder Swing-Klängen hat das einen besonderen Zauber. Den Beginn macht am Premierenabend Ronald K. Browns Choreografie „Grace“. Vor schlichtem schwarzem Hintergrund treiben sich die Tänzer gegenseitig an, die weißen und roten Kostüme dabei immer wieder in helles Licht getaucht. Ein Spiel aus Licht und Schatten, an dem jeder einen kurzen Moment der Erleuchtung erlebt. Es ist der etwas langatmig geratene Beginn einer immer eindrucksvoller werdenden Show.

Nach der ersten Pause folgt die Deutschlandpremiere von „Home“. Die Choreografie von Rennie Harris wurde 2011 am Welt-Aids-Tag in New York uraufgeführt. Harris ließ sich von Geschichten und Bildern inspirieren, die das Leben mit und den Kampf gegen Aids dokumentieren. Das ist berührend. In Straßenkleidung wanken auch diese Tänzer hin und her. Zwischen Alleinsein und Gemeinschaft, Resignation und Aufbegehren. Kälte der Isolation gegen erhebendes Gruppengefühl.

Zum elektrisierenden Gospel-House-Soundtrack von Dennis Ferrer und Raphael Xavier reißen die Tänzer ihre Arme hoch in alle Richtungen, verweben sich, um sich dann wieder allein anzutreiben. Eine Wut aufs Schicksal wird spürbar. Verzweiflung wird in Energie verwandelt. Ein starkes Stück. Schon jetzt hält es die ersten Zuschauer nicht mehr auf den Sitzen: Standing Ovations. Sie wollen mehr – und werden belohnt mit einem Sechs-Minuten-Solo. Robert Battle, Artistic Director des Alvin Ailey Theatre, hat es eigens für Samuel Lee Roberts geschaffen, der nun allein da steht, auf der dunklen Bühne, seinen muskulösen dunklen Körper kaum verhüllt. „Love me, love me, love me, say you do“ – zum eindringlichen Text von Nina Simones „Wild Is The Wind“ bewegt Roberts jeden Muskel seines athletischen Körpers, der auf einmal so verletzlich wirkt. Ohrenbetäubender Jubel.

Das Deutsche Theater hat das Glück, beim Gastspiel dieses Ensembles zwei verschiedene Programme zeigen zu können. Doch beide enden mit dem Aushängeschild der Truppe, mit der Nummer, für die Alvin Ailey seit Jahrzehnten gefeiert und auch nach seinem Tod 1989 geehrt wird: „Revelations“. Ein Klassiker des Modern Dance, der öfter als jedes andere Tanzstück des 20. Jahrhunderts aufgeführt wurde.

Es ist die Aufarbeitung der Kindheitserinnerungen des schwarzen Künstlers, der zur Zeit der Rassentrennung in Texas geboren wurde. Hier zeigen die Tänzer noch einmal die ganze Kraft des Horton-Stils. Wenn sie einander wie Marionetten zum Tanzen bewegen, die Beine einer Puppe gleich in die Höhe strecken, langsam, ganz langsam. Und dann zurück – mit einer Eleganz, in der gleichzeitig so viel Stärke liegt. Hier werden viele verschiedene Geschichten erzählt. Von intimem Tanz-Gebet bis zu übersprudelnder Lebensfreude. Und am Ende wird es dann noch richtig rockig. Da tanzen sie alle, Zuschauer und Körperakrobaten gemeinsam.

Von Katja Kraft

Weitere Vorstellungen: Programm A bis 3.8.; Programm B 5. – 10.8.; Telefon 089/ 55 23 44 44.

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