Energieschub für die Zukunft

München - Das Museum Villa Stuck zeigt eine fast vergessene Künstlergruppe, die aber große Wirkung hatte: "Die Münchner Secession 1892-1914".

Künstler streiten gerne, wie andere Menschen auch - vor allem wenn es um ihren Lebensmittelpunkt geht. In diesem Fall um die Kunst. Am Ende des 19. Jahrhunderts begehrten in allen Kunstzentren Europas Maler gegen die althergebrachten Traditionen auf. Die Zwänge, Vorschriften und Rituale von Akademien und Salons sollten aufgebrochen werden. Seit damals steht ein Begriff dafür: Secession. 1892 war es in München soweit, noch vor Wien und Berlin. Im Rahmen der Feiern zum 850. München-Geburtstag erzählt das Museum Villa Stuck von dieser Künstlergruppe und damit vom Aufbruch der Münchner Kunst in die Moderne und Internationalität. Streitpunkte, die bis in die 1980er-Jahre die Gemüter in der Stadt erhitzten.

 In einem Memorandum pochten einst elf Künstler um Franz von Stuck - seine Villa ist also der ideale Ausstellungsschauplatz -, Bruno Piglheim oder Fritz von Uhde darauf, streng jurierte, für Neues, Fremdes und Ausländisches aufgeschlossene Präsentationen zu gestalten. Die Münchner Secession war geboren. Im folgenden Jahr zeigte man in neuen Räumen (Prinzregenten-, Ecke Pilotystraße) die erste eigene Schau. Die zeichnet die Villa Stuck nun in einem ersten Abschnitt nach. Und wie die Secession sehr heterogen war - von braven Genrebildern bis zu Gästen wie Monet oder die Glasgow Boys - so verwirrend vielfältig ist die jetzige Exposition. Man erlebt gewissermaßen Kunstgeschichte nicht museal gereinigt und geglättet, sondern chaotisch im Entstehen begriffen.

So darf es einen nicht wundern, dass zum Beispiel Max von Schmädels ganz unrevolutionäres Gemälde von einem alten Mann und einer jungen, Kessel schrubbenden Frau 1893 im Reigen von deutschen Impressionisten, Freilichtmalern oder Symbolisten zu sehen war. Diese - so unterschiedlich sie oft thematisch auftreten - feiern die Helligkeit, die Farb-Kühnheit. Hans Olde lässt einen Weg im dicken Schnee unterm Sonnenglast von Weiß über Gelb bis Lila leuchten. Hans Thomas "Einsamkeit" strahlt im überirdischen Lichtblau, während Franz Skarbina beim "Blumenfest in Paris" die Farben pudrig und leicht giftig um seine feine Gesellschaft legt. Max Slevogt hingegen komponiert vier Nackte in eine dunkel-diffuse Raumecke. "Die Ringerschule" wird damit zu einer Studie über das Rätsel Mann und Sport.

Die Secession hatte mit jener ersten Ausstellung bewiesen, dass Stilpluralismus erwünscht war. In der Stuck-Villa ist aber doch die Übermacht einer mit Sinnbildern aufgeladenen Malerei zu erkennen. Julius Exters kerniger, jugendstil-beschwingter Impressionismus - schön, dass man mehrere Gemälde nebeneinander anschauen kann - tankt sich gewissermaßen vor unseren Augen mit Bedeutung auf und bekommt expressive Züge. Trotzdem ist dieser Art Maler das Erlebnis Farbe am wichtigsten - nicht das Motiv. Das gilt auch für Slevogt, Max Liebermann oder Lovis Corinth. Noch radikaler ist die Entwicklung von Adolf Hölzel, der mit lieblichem Realismus startet, dann zu kompakten Landschaftsflächen gelangt, um dann sogar in der Abstraktion des Blauen Reiter von Marc und Kandinsky zu landen.

Die meisten anderen Künstler der Secession stellen die Malerei jedoch stark in den Dienst sinnreichen Inhalts. Dieses Ziel gibt wiederum der Kunst einen Schub in die Übersteigerung. Thomas Theodor Heine formuliert in "Die Blumen des Bösen" seine Magie unter violettem Himmel: weiße Frau, schwarzer Mann und die Orchideen. Das hat Raffinesse. Aber was ganz große Kunst ist, lässt Ferdinand Hodlers "Entzücktes Weib" spüren: Hier rollt eine Energiewelle auf den Betrachter zu - kein dekadentes Spiel.

Mit der Schau "Münchner Secession 1892-1914" hat das Museum Villa Stuck erfreulicherweise eine Lücke in der Münchner Kunstgeschichtsschreibung geschlossen.

Bis 14. September,

Tel. 089/ 45 55 51 0, Katalog: 37 Euro.

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