Engel, Esel und Estragon

- Er war die Ikone des kleinen Mannes. Ein bisschen unglücklich, meist übervorteilt, aber eine Seele von Mensch. Er war diese Figur auf der Bühne, nachdem das Publikum seine Anflüge von Heldenhaftigkeit in ernsten Rollen oft ausgelacht hatte. Und er war es höchst erfolgreich im Film, als der kleine Mann von der Straße Trost und Ablenkung suchte in Geschichten vom kleinen Mann, der doch noch zu seinem Glück kam. Das Unverwechselbarste aber an Heinz Rühmann war seine Stimme: rau, melancholisch, Mitleid erregend, das Gesagte immer ein wenig in der Schwebe haltend, und - so widersprüchlich es klingen mag - auf virtuose Art monoton.

<P>Die "Gesammelten Hörspiele" erweisen dieser Stimme die Ehre. Der misstrauische Blick, die vor Enttäuschung spannungslos gewordenen Wangen, der bekümmerte Faltenfächer der Stirn, alles, was seine kleinen Männer so auszeichnet, vergisst man für einige Zeit - bis sich diese Bilder doch wieder vor das innere Auge schleichen. Dann nämlich, wenn Rühmann auch im Hörspiel wieder in seine Paraderolle hineinrutscht.</P><P>In der vom damaligen Nordwestdeutschen Rundfunk produzierten Komödie "Ein Engel namens Schmitt" (1953) ist das der Fall. Schmitt, schusseliger Sekretär des Generaldirektors Gerlach, scheint dazu erschaffen worden, den Groll des Firmenpatriarchen nicht nur auf sich zu ziehen, sondern häufig erst zu verursachen. Leider nimmt auch "Frolln" Gaby, des Direktors Töchterlein, bei aller Sanftheit das Duckmäusertum des armen Sekretärs auch nicht ohne Sticheleien hin. Und während dieser bei allerlei Verwechslungen einen Persönlichkeitswandel vollzieht, werden 50er-Jahre-Klischees bemüht, dass es nur so von den imaginären Resopaltischen mit Salzlettenständerchen staubt.</P><P>Ein ähnliches Zeugnis seiner Zeit ist die NWDR-Produktion "Du kannst mir viel erzählen". Wie so oft hat auch hier Rühmanns Protagonist das Problem, als Mann ernst genommen zu werden. Gisela Mattishent, Inge Schmidt, Grete Weiser, Charlotte Witthauer treten als (Schein-)Verflossene auf, die der unzufriedenen Ehefrau (Elfriede Kuzmany) verdeutlichen sollen, dass sie doch einen ganz tollen Fang mit ihrem braven Johannes getan hat.</P><P>Doch diese CD-Sammlung begnügt sich nicht damit, das Rühmann-Klischee zu zementieren. Hat der Schauspieler doch selbst nach dem Krieg Anstrengungen unternommen, sich davon zu lösen. Und so bildet sich hier sein von der breiten Öffentlichkeit missbilligter Versuch ab, sein Rollenfach aufzuweichen. Ein Zeugnis unterdrückter Vielseitigkeit ist dieses Album auch. Das vermittelt sich besonders in der Aufzeichnung von Fritz Kortners "Warten auf Godot" durch den Bayerischen Rundfunk.</P><P>1954 spielte Rühmann in den Münchner Kammerspielen den Estragon neben Ernst Schröder als Wladimir. Und es ist ganz wunderbar, wie sich Becketts Lakonie in Rühmanns Geraunze kristallisiert. Diese Aufnahme ist ein Stück hörbare Theatergeschichte. Und sie erfordert eine Menge szenischer Fantasie, denn im Gegensatz zu den Hörspielen entstehen hier selbstverständlich sekundenlange Pausen. Beckett eben. Charme haben diese Pausen besonders, wenn man in ihnen das Publikum hört, das auf das Bühnengeschehen reagiert - mit Lachen.</P><P>Von noch einmal anderer Qualität ist "Abdallah und sein Esel", ebenfalls vom BR produziert. Axel von Ambesser erzählt die eigentlich für Kinder geschriebene, bezaubernde Orientgeschichte. Bum Krüger spricht den zeternden Gemüsehändler. Und Heinz Rühmann? Spielt seinen Esel. Der freilich sprechen kann. Sonst käme er ja nicht vor auf der CD. Indem nämlich der Esel Rumswiddel einen Zauberkürbis aufgefressen hat, sind ihm Sprache und Verstand gegeben worden. Beides benutzt er, um seinen Herrn vor Ungemach zu bewahren. Die hübscheste Variation über den kleinen Mann: der kluge, hilfreiche Esel. Ein Kumpel, ein Freund, ein Retter.</P><P>Heinz Rühmann. Gesammelte Hörspiele: "Du kannst mir viel erzählen", "Ein Engel namens Schmitt", "Warten auf Godot", "Abdallah und sein Esel" (6 CDs, Die Audiothek).</P>

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