Engel des Gewesenen

- Im Januar schleuderte Rolf Boysen zornige Worte in die Öffentlichkeit. Den drohenden Irak-Krieg nannte er einen brutalen Schlag "gegen unsere eigene so genannte westliche Zivilisation". Und weiter: "Das Wort abendländisch wagt man schon gar nicht mehr in den Mund zu nehmen." Jetzt nimmt er es doch wieder in Mund. Und zwar buchstäblich. Ab Mittwoch, 21. Mai, wird der Doyen des Staatsschauspiels an fünf Abenden aus Homers "Ilias" lesen, dem Grundstein der abendländischen Literatur.

<P>Ist die Lesung sein Reparationsbeitrag für die Grundwerte abendländischer Kultur? Die Antwort ist eine Gegenfrage. "Kennen Sie den ,Angelus Novus von Klee? Das Bild zeigt einen Engel, der in das Gewesene starrt. Vergangenheit klingt immer so verträumt. Von hinten bläst der Sturm der Zukunft. Dieser Engel ist mein Ankerbild. Im Grunde ist es für jede Kunst wichtig. Es gibt keine Kunst ohne Vergangenheit, ohne Erinnerung. In diesen Tagen, während ich mich auf die Lesung vorbereite, spüre ich das sehr deutlich."</P><P>"Die Dramatik und Tragik<BR>des Kriegs entwickelt<BR>Homer aus der Sprache."<BR>Rolf Boysen</P><P>Homer hat ältere, mündlich überlieferte Sagen zu einem Groß-Epos verarbeitet. Entstanden ist ein immenser Textkörper in 24 Gesängen und 15 195 Versen. Im Reclamformat macht das 527 Seiten, die den Leser eine Zeitreise antreten lassen in das letzte Jahr des Trojanischen Kriegs. Die "Ilias" ist ein großer Bild-Spender und Geschichten-Geber. Die Frage, ob es unter den Gleichnissen eines gibt, das die Zeit, in der wir leben, besonders treffend ins Bild setzt, will Boysen nicht so schnurgerade beantworten. "Sie erwarten wahrscheinlich, dass ich eine besonders drastische Szene nenne. </P><P>Mich haben eher die weniger dramatischen Bilder beeindruckt. Ein Sonnenuntergang, der sich legende Kriegslärm, das Aufziehen der Nacht. Wunderbare Schilderungen! Die Dramatik und Tragik des Krieges, die unweigerlich an die Ereignisse der letzten Wochen denken lassen, entwickelt Homer weniger aus den Tatsachen selbst, als aus der Sprache heraus. Nehmen Sie die Passage, in der Achilleus den Tod des Patroklos beweint und sich Asche ins Gesicht schmiert. Ein ungeheuerliches Bild! Allerdings entwickelt es seine ganze Intensität nicht aus den Tatsachen selbst, sondern in der Sprache. Wobei die Betonung wirklich bei ,in liegt."</P><P>Man spürt: Rolf Boysen ist in seinem Element. In einer Welt, in der die Bilder an der Macht sind, sich für die Kraft des Wortes stark machen. Der Sprache zu ihrem Recht verhelfen. Lesend die Zuschauer-Energien auf sich versammeln. </P><P>Ob er selbst auf Lesungen gehe? Pause. Lange Pause. Dann: "Ich kann mich nicht erinnern. Das heißt: Ich bin mal in eine hineingeraten. Aber das war schrecklich. So eine frisierte Schnauze. Ganz preziös. Furchtbar." Er redet sich in Rage. Realisiert, dass er soeben ein Glashäuschen betreten hat. Kehrt wieder um. "Keine ganz leichte Sache, die ich mir da vorgenommen habe, die gekürzte ganze ,Ilias! Und dabei weder wie ein Schauspieler übertreiben noch wie ein Hochschullehrer langweilen wollen." <BR>Wer das Abendland retten will, wer eine Bildungslücke zu schließen hat, wer Rolf Boysen als Engel der Geschichte nicht versäumen will, für den sind die Lese-Sé´ancen im Staatsschauspiel genau das Richtige. </P><P>"Ilias"-Lesung: 21., 22., 23., 24., 26. Mai, 20.30 Uhr, im Residenztheater, Karten: 089/ 21 85 19 40.<BR></P>

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