In engen Grenzen

- Blind für die dingliche Welt, aber inneren Auges sehend und so begabt, die menschlichen Angelegenheiten jenseits ihres äußeren Scheins zu erkennen: Ein nach der Legende blinder Sänger steht am Anfang der abendländischen Musik und Literatur - der griechische Dichter Homer. Wenn heute ein blinder Sänger in Erscheinung tritt, dann kommen dabei nicht Ilias noch Odyssee heraus, aber der Mann vollbringt doch auch Erstaunliches: Er füllt die Münchner Olympiahalle.

<P>Und wenn Andrea Bocelli am Ende anhebt zu "Time to say good-bye", dann zittert das weite Rund vor Ovationen und Pfeif-Chören der Begeisterung. Immerhin hat das Ganze ja ein Motto, es geht ums Gefühl: "Sentimento". Ein weites Feld, aber wen kümmert's, wenn einem vokal-sinnliche Worte entgegenschweben wie "ancora", "bacio", "senza te" und, natürlich, "amore"? Wer will bei solch heimeliger wie diffuser Gefühligkeit wahrnehmen, welch traurige Gestalten da ihre Not heraussingen zwischen "Plaisir d'Amour" und "O sole mio"? Dass Macduff die Ermordung seiner Kinder beweint? Dass Cavaradossi, nachdem der das Leuchten der Sterne besungen hat, erschossen wird?</P><P>Dabei war die emotionale Subtilität von Verdis und Puccinis Zauberpartituren wenigstens beim Nationalen Tschechischen Symphonieorchester unter Marcello Rota gut aufgehoben: Das spielte trotz aller elektronischen Verstärkung erstaunlich transparent, intonationssicher und rhythmisch exakt. Auch Maria Luigia Borsi sang technisch einwandfrei mit klangschönem, weichem Sopran.</P><P>Im Vergleich mit ihrem differenzierten Vortrag wurden allerdings die engen stimmlichen Grenzen umso deutlicher, die dem eigentlichen Star gesetzt sind: Bocellis starrer Tenor tunkte alle Musik in die gleiche weinerlich-pathetische Affektsuppe, er vermochte weder in Dynamik noch im Timbre hörbar zu gestalten. Dennoch: Trotz aller Zwiespältigkeit hinsichtlich der Interpretation hat der Abend funktioniert. Die elementare Macht der Musik scheint über widrige Umstände ihres Erklingens immer wieder erhaben.</P>

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