Sie war die Enkelin von Bayerns Max II.

- Sie hätte ihr gefallen. Annette Kolb hätte die Biografie, die Armin Strohmeyr über sie verfasst hat, sicherlich gemocht, da es Strohmeyr gelingt, das Leben der deutsch-französischen Schriftstellerin und überzeugten Pazifistin überaus unterhaltsam und zugleich mit würdevoller Eleganz darzustellen. Nur die Sache mit dem korrekten Geburtsdatum wäre garantiert nicht nach Annette Kolbs Geschmack gewesen. Dazu hat die streitbare Autorin ihr Leben lang gelogen, ein "rein zufälliger" Tintenfleck im Reisepass tat gute Dienste, und erst anlässlich ihres angeblich 90. Geburtstages 1965 erstaunte sie die Öffentlichkeit mit dem Geständnis, sie sei ja schon fünf Jahre älter.

<P>1870 ist sie geboren, und 97 Jahre später gestorben, das Fräulein Kolb, das Zeit seines Lebens Wert darauf legte, als "Fräulein" angesprochen zu werden. In einer Biografie über sie solle am besten "alles erst(unken) und erlogen sein", forderte sie. Dies hat Strohmeyr glücklicherweise nicht beherzigt. Stattdessen breitet er akribisch recherchiert das überaus bewegte Leben dieser "aus Wittelsbacher Geblüt stammenden", zu Unrecht heute weitgehend in Vergessenheit geratenen Autorin aus.</P><P>Ihr Vater, ein Gartenbauarchitekt, hieß nämlich nicht nur zufällig Max, sondern war der uneheliche Sohn des späteren bayerischen Königs Max II. und einer Hofdame. "Zwischen den Sprachen aufgewachsen, schrieb sie in einem reizend inkorrekten Privatidiom originelle Gesellschaftsstudien", charakterisierte Thomas Mann in seinem "Doktor Faustus" seine Romanfigur Jeanette Scheuerl, mit der Mann seiner Bekannten Annette Kolb ein literarisches Denkmal setzte. "Zwischen den Sprachen" bedeutete zwischen Französisch und Deutsch, denn Max Kolb heiratete die Pariser Pianistin Sophie Danvin, mit der er in der Münchner Sophienstraße ein offenes, liberales und überaus geselliges Haus führte. Wagner, Cosima von Bülow und Liszt gingen ein und aus.</P><P>Dieser musikalische Hintergrund erklärt, warum Annette Kolb später Bücher über Wagner, Mozart und Schubert verfasste, aber auch in nahezu jeden anderen Roman autobiografische Elemente über ihre Kindheit, die Großbürgerzeit der Jahrhundertwende und das bayerische Königshaus einfließen ließ. Ihr ganzes Leben lang war Annette Kolb, die später auch lange Jahre im Pariser Exil zubringen sollte, um eine Aussöhnung der Franzosen mit den Deutschen, genauer gesagt mit den Bayern, bemüht. Denn die Preußen, für sie stets der Inbegriff eines tumben Militarismus, waren ihr ein ewiger Dorn im Auge.</P><P>Zwei Vaterländer und zwei Muttersprachen</P><P>Ihre eher wenig diplomatischen Versuche einer deutsch-französischen Freundschaft brachten sie während des Ersten Weltkrieges prompt bei beiden Parteien in den Verdacht, eine Spionin zu sein. Einzige Lösung war ihre Flucht in die Schweiz. Und schon einen Monat nach Hitlers Machtübernahme im Jahr 1933 packte sie wieder die Koffer. In Paris, Heimatstadt der Mutter, die sich ihr Leben lang weigerte, Deutsch zu sprechen, fasste Annette Kolb rasch Fuß. Hier entstand u. a. ihr bedeutendster Roman, "Die Schaukel". Nach dem Krieg, in der Phase der deutsch-französischen Entspannung unter Adenauer und dem von ihr besonders verehrten De Gaulle, pendelte sie bis zu ihrem Tod zwischen München und Paris.</P><P>Strohmeyr beschreibt lebendig und unterfüttert von vielen Anekdoten das Leben dieser außergewöhnlichen, kosmopolitischen Frau, die heute oft als erste Feministin vereinnahmt wird. Dabei hat sie einfach nur immer und zu jedem Anlass ihre persönliche, unbequeme Meinung geäußert. Darüber hinaus setzt sich Armin Strohmeyr auch mit dem lebenslangen, immer wieder literarisch umgesetzten Dilemma Kolbs auseinander: Heimatlos im eigenen Land zu sein, zwischen den Völkern und Kulturen zu stehen, zwei Vaterländer und zwei Muttersprachen zu besitzen und in beiden mit dem Herzen und der Seele wohnen zu wollen.</P><P>Armin Strohmeyr: "Annette Kolb. Dichterin zwischen den Völkern". dtv, München. 320 Seiten, 22,50 Euro. Der Autor liest heute, 20 Uhr, in der Münchner Monacensia, Tel. 089/ 41 94 72 15.<BR><BR></P>

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