Enormes für München geleistet

- Das ist ein Triumph fürs Stadtmuseum. Mit seiner sorgfältig konzipierten, reichhaltigen Ausstellung "Gegenaktion - Karl Amadeus Hartmann (1905-1963)", die Norbert Götz und Manfred Wegner entwickelt haben, wendet es von München die komplette Blamage ab. Denn die hiesigen Opernhäuser haben es versäumt, diesem bedeutenden Komponisten, diesem engagierten politischen Menschen eine Inszenierung zu widmen. Vernachlässigen sie ohnehin die Hartmann-Pflege, waren sie sogar anlässlich seines 100. Geburtstags (2.8., gestorben am 5.12.) nicht dazu fähig, eines seiner Werke herauszubringen. Bei jedem Schritt durch die Schau prägt sich diese Peinlichkeit schärfer und schärfer aus.

Leben für die Moderne

Die Exposition mit dem Untertitel "Ein Komponistenleben in München" ist Geschichte, Kunstgeschichte und Heimatkunde in einem. Der Besucher tritt hinein in die Musikstadt der vorigen Jahrhundertwende, wo vor allem Richard Wagner - für Hartmann die Basis der modernen Musik - herrschte. Plakate, Büsten, Gemälde, Theaterzettel, "Parsifal" nach der Bayreuth-Freigabe 1914 in München und ein orangefarbener Architekturakzent (Klaus-Jürgen Sembach, Ralph Bockmeier) entführen in die Jugenstil-Ära. Gegenüber angebracht, nicht nur Familie Hartmann, sondern auch die politischen Umwälzungen. Im Film läuft Kurt Eisners Beerdigung, der Almanach "Der Blaue Reiter" und Schönberg-Aufführung hierzulande signalisieren den Aufbruch in die Moderne. Karl Amadeus war als Musiker dabei wie sein älterer Bruder Adolf als Maler.

"Gegenaktion" nannte Hartmann selbst sein Handeln, seine "innere Emigration", in der Nazi-Zeit. Für die Kuratoren ist sein ganzes Leben "Gegenaktion". Aber eigentlich ist es kein Gegen, sondern ein Für. Denn der Künstler leistete in inniger Verbindung zu seinem Bruder Enormes für Münchens Stellung in der zeitgenössischen Kunst. Beide waren nicht nur Ausübende, sondern vitale Initiatoren und Veranstalter. Die unendlich wichtige Reihe "Musica viva" lebt bis heute im Konzertsaal, und das Haus der Kunst, das Adolf Hartmann von den Amerikanern übernommen hatte, machte er zu einer berühmten Lehrstätte der Moderne. Um Ausstellungen wie die des Picasso-Schaffens schwingt heute noch ein weihevolles Raunen.

Die Gegensätze prägten Hartmanns Werdegang. In den 20er-Jahren wagten sich National- und Gärtnerplatztheater durchaus ans Aktuelle. Man spiele Paul Hindemiths "Cardillac" oder "Jonny spielt auf" von Ernst Krenek. Aber die Nazis pöbelten schon. Der "Kampfbund für deutsche Kultur" entstand, und Leute wie Hans Pfitzner verfassten Pamphlete gegen Kollegen, die eine ganz andere Musik schufen als sie selbst. Da auch das Publikum nicht übermäßig aufgeschlossen war für zeitgenössische Strömungen, suchten die Künstler in Gruppen oder Festivals, ihre Position zu festigen und zugleich bekannt zu werden. Donaueschingen ist berühmt geworden; in Baden-Baden tastete man sich zu neuen Formen wie Rundfunk- oder Filmmusik vor. Da war zum Beispiel Kurt Weills und Bertolt Brechts "Mahagonny Songspiel" zu erleben. Und in der Stadtmuseumsschau hört man Hanns Eislers Auftragskomposition zu Walter Ruttmanns konstruktivistischem Zeichentrickfilm "Opus III".

Hartmann verpflanzte diese Idee kurzerhand nach München. Von 1929 bis '31 gab es jährlich die "Neue Musik-Woche München", bei der vom Liebfrauen-Dom über die Theater bis zum damals noch existierenden Odeon alles einbezogen wurde. Klar, dass die Münchner Carl Orff, Fritz Büchtger, Karl Marx und Werner Egk daran sehr interessiert waren. Wichtig dabei immer der temperamentvolle Ermöglicher Hermann Scherchen, der Dirigent. So wie sich diese Musiker zusammentaten, probierten es bildende Künstler unter dem Titel "Die Juryfreien". Adolf Hartmann war dort aktiv. Man wollte auf der Höhe der Zeit sein. Die politische Bedrohung wird häufig reflektiert in den scharfen, neusachlichen Aussagen der Bilder. Hier leistet sich das Stadtmuseum sogar eine Ausstellung in der Ausstellung: mit so spannenden Werken von zum Teil Vergessenen (Maria Luiko, Max Rauh u.a.), dass man mehr davon entdecken möchte.

Musik erinnert an KZ-Opfer

Dieses Gegen und Für wird dann in der NS-Diktatur zum unlösbaren Konflikt. Den versinnbildlicht die Präsentation in zwei Strängen: hier Nutznießer wie Pfitzner und Strauss sowie der Klammergriff der NS-Propaganda; dort, umschwebt von den Klängen, die er den KZ-Opfern gewidmet hat, Hartmanns Weg. Von der Heimat konnte er nicht lassen, aber seine Kunst hatte nur im Ausland Erfolg. Unendlich berührend seine Sonate "27. April 1945", die er komponierte, als er in Kempfenhausen den Dachauer KZ-Todeszug mitansehen musste.

Von der Kammermusik ausgehend, wagte er sich mehr und mehr an die symphonische Form ("Miserae"), aber auch an die Oper ("Simplicius Simplicissimus"). Nach dem Krieg pflügte er sein Werk um (fünf Symphonien entstanden z. T. aus älteren Stücken) - und engagierte sich erneut. "Musica viva", eines seiner großen Vermächtnisse, vereinigt im Museum noch einmal durch Plakate und Programm-Grafik von Miró´ bis Calder Klang und Bild - wie die Brüder Karl Amadeus und Adolf.

Bis 27.11., Führungen: 089/ 233 22 994; Katalog, Edition Minerva: 25 Euro.

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