Im Kampf mit einem damischen Ritter: Viola (Juliane Köhler, li.) schlägt sich mit Sir Andrew Bleichenwang (Shenja Lacher), skeptisch beäugt vom Musiker und Sänger Ian Fisher, der beinahe alle Szenen in Amélie Niermeyers Shakespeare-Inszenierung begleitet. Foto: thomas dashuber

Ein Ensemble in Hochform

München - Amélie Niermeyer inszenierte am Residenztheater mit großartigen Schauspielern Shakespeares „Was ihr wollt“. Lesen Sie hier die Premierenkritik:

Diesmal rollen sie das Feld also von hinten auf: Langsam, aber stetig kommt sie heran, die riesige graue Walze, die auf der Bühne nach vorne rollt. Aus ihren kaum sichtbaren Stoff-Falten plumpsen, kriechen und purzeln – quasi im Walzentakt – die Akteure wie aus einem Geburtskanal. Das sieht schwer nach existenzieller Geworfenheit aus, nach unausweichlichem, fast bedrohlichem Schicksal.

Aber keine Angst, gar so tiefsinnig wie es das Bühnenbild suggeriert, wird’s dann doch nicht; denn auch die Liebe ist ja bekanntlich eine Himmelsmacht, eine nicht gar so schreckliche, der wir ausgeliefert sind. Und eben darum geht es doch – „irgendwie“ – in Shakespeares melancholischer Komödie „Was ihr wollt“, die Amélie Niermeyer jetzt mit routinierter Könnerschaft auf die Bühne des Münchner Residenztheaters gewälzt hat.

Ein bisschen bleibt die bekannte Regisseurin dabei im „Irgendwie“ stecken. Denn sie hat nicht nur wohlfeile „Gender-Diskurse“ dankenswerterweise vermieden, die man aus dem Stück herausquetschen könnte, sondern verzichtet gleich ganz auf jede beherzte Interpretation. Stattdessen setzt sie auf genau gearbeitetes, aber leider etwas biederes Schauspielertheater. Und weil ihr etliche Schauspieler der Extraklasse zur Verfügung stehen, ergibt das immerhin einen vergnüglichen, amüsanten Theaterabend – wenn auch ohne tiefergehende Wirkung.

Beträchtlich und eine reine Freude ist hingegen die komische Wirkung von Markus Hering in der Rolle des Haushofmeisters Malvolio, der unter seiner silbernen Andy-Warhol-Frisur geradezu vor Eitelkeit birst. Dass man trotzdem Mitleid, ja fast Sympathie für diesen eingebildeten Lackaffen empfindet, liegt daran, dass Hering in der Figur den Schmerz des Unterprivilegierten spürbar macht. Zumal seine Gegenspieler standesmäßig höhergestellte, aber ausgesprochen unterbelichtete Gestalten sind: Norman Hacker als versoffener Sir Toby Rülp und der großartige Shenja Lacher als grenzdebiler, aber auch ein bisschen rührender Sir Andrew Bleichenwang im Karoanzug geben zwei hinreißend damische Ritter.

Zur Hochform läuft aber auch Barbara Melzl auf, deren Gräfin Olivia halb Schreckschraube, halb heißer Feger ist – und so umwerfend verliebt schauen kann, dass einem beim bloßen Anblick ganz knuddelig zumute wird. Ihre Kammerzofe Maria wiederum gibt Christiane Roßbach als durchtriebenen, knackigen Trampel. Ganz das Gegenteil davon, ein zartes Engelswesen, ist Juliane Köhlers wunderbar unschuldig strahlende Viola, die als reine Törin alle in Bann schlägt. Anfangs, wenn sie von der Walzen-Woge ausgespien wird, speit sie prustend erst einmal selbst Wasser aus dem Mund. Dann überredet sie den gutmütigen Narren zum Kleidertausch und läuft fortan mit einem grün-rot karierten Strickpullover und in Kavallerie-Hosen rum.

Ja, mit solchen Schauspielern kann man „Was ihr wollt“ auch als bessere Boulevardklamotte auf die Bühne bringen, ohne in bloße Albernheiten abzurutschen. Allerdings hat das Residenztheater mit „Der Vorname“ und „Bunbury“ zuletzt gerade schon zwei Boulevardstücke ins Repertoire genommen, sodass dieses Genre am Haus jetzt wirklich ausreichend vertreten ist. Für ein wenig Ernst sorgt an diesem Shakespeare-Abend dann ausgerechnet der Narr. Dass der diesmal praktisch keinen eigenen Text hat, ist fast erholsam, denn die tiefsinnig-verrätselten Weisheiten, die Shakespeares Narren immer von sich geben müssen, wirken in ihrer outriert melancholischen Witzigkeit doch oft recht penetrant. Stattdessen steht also der amerikanische Sänger Ian Fisher mit Gitarre auf der Bühne wie ein schüchternes Menetekel und singt auf Englisch unprätentiöse Vertonungen von Shakespeare-Sonetten.

Und doch gilt für diese Inszenierung schlussendlich, was Sir Andrew Bleichenwang feststellt: „Am besten ist der Witz, wenn er vorbei ist.“ Langer Applaus.

Alexander Altmann

Nächste Vorstellungen

am 22., 27. Januar sowie am 5., 13., 24. Februar.

Telefon 089/ 21 85 19 40.

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