Ein Ensemble zeigt Zähne

München - Thomas Schulte-Michels inszenierte am Gärtnerplatz-Theater Kurt Weills „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“. Eine Premierenkritik.

Das Auge isst auch mit, und das Fressen kommt ja schließlich gleich zu Beginn, vor Sex, Boxen und Saufen – laut Libretto. Dementsprechend bunt sind die Kostüme von Tanja Liebermann, dementsprechend bewegungsfreudig geben sich Chor (Choreografie: Fiona Copley) und Solisten, dementsprechend rege geht es überhaupt in Thomas Schulte-Michels’ Inszenierung am Gärtnerplatz-Theater zu.

Bei aller Betriebsamkeit darf sich dennoch ein mulmiges Gefühl einstellen: Hat uns Weill/Brechts Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ wirklich noch etwas zu sagen? Jene einst krasse Kapitalismus-Kritik, jenes Damoklesschwert gegen die Dekadenz? Man mag das natürlich in die Gegenwart ziehen können: globale Finanzkrise, Ellenbogen-Gesellschaft. Aber dann müsste man das Stück aus der Weimarer Republik um die Zeit der großen Wirtschaftskrise irgendwie ins Heute transportieren. Dann sollten die Charaktere auf der Bühne, schwierig genug, in uns Gefühle auslösen – Sympathie, Ekel, Mitleid. Das ist hier jedoch nicht der Fall. Und so bleibt nach knapp zweieinhalb, klug gestrafften Stunden die kleine Frage im Saal: Warum? Schulte-Michels liefert einen Kessel Buntes.

Das sieht aus wie eine satte Revue der Zwanzigerjahre. Alles wird eins zu eins umgesetzt, was auf Dauer ermatten kann. Wenn der Chor vom „Fressen“ singt, dann wird das gestisch eindeutig umgesetzt, wenn’s an Sex geht, gibt’s – huch! – leicht obszöne Bewegungen. Der drohende Hurrikan wird von einem Blitz dargestellt, der von rechts nach links über die Bühne schwebt und leuchtet. Das alles tut zumeist nicht weh, bringt aber auch keinerlei Erkenntnisgewinn. Wenn man eine CD-Einspielung hören und sich seine eigenen Bilder machen würde, hätte man wohl fantasievollere Resultate. Man müsste allerdings auf ein sehr engagiertes Ensemble verzichten, das den Besuch wert ist. Ann-Katrin Naidu, irgendwo zwischen Zirkusdirektor und Vamp angesiedelt, fühlt sich sichtbar wohl als Begbick – auch wenn ihre Stimme in Mittel- und tieferer Lage durchsetzungskräftiger sein dürfte.

Ihre Bühnenpräsenz allerdings ist wie so oft überragend. Wolfgang Schwaninger meistert seine Partie des Jim Mahoney mit Strahlkraft und starkem Spiel – er erhielt zu Recht den meisten Applaus des Abends. Cornel Frey (Fatty), Stefan Sevenich (Dreieinigkeitsmoses), Heike Susanne Daum (Jenny) und alle anderen – sie zeigen (pardon, falsches Stück) Zähne! Überragend der Gärtnerplatz-Chor (Einstudierung: Inna Batyuk), und Andreas Kowalewitz hatte das Orchester bis auf einige kleine rhythmische Wackler gut im Griff – er ist für David Stahl eingesprungen, der „aus familiären Gründen“, so das Theater, die Premiere absagen musste. Musikalisch und darstellerisch also eine runde Sache. Und wer vor allem will, dass das Ohr und nicht das Auge mitisst: Der kann ja zur CD greifen und einfach die Augen schließen.

Die Handlung:

Zwei Männer und eine Frau gründen in Nordamerika eine Stadt, in der den Männern von der Goldküste ihre Bedürfnisse erfüllt werden sollen: Die Paradiesstadt Mahagonny. Dennoch herrscht Unzufriedenheit. Als ein Hurrikan heraufzieht, erfindet Jim Mahoney ein neues Gesetz: Du darfst alles! „Die Bedürfnisse steigen – und mit ihnen die Preise. Denn man darf alles – aber nur, wenn man es bezahlen kann“, erklärte Komponist Kurt Weill (1900-1950). Seine Oper, zu der Bertolt Brecht (1898-1956) das Libretto schrieb, wurde kurz nach der Weltwirtschaftskrise 1930 in Leipzig uraufgeführt. „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ parodiert die Gattung Oper und spart nicht mit Kapitalismus- und Gesellschaftskritik.

Matthias Bieber

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