Entdeckungsreise zu den Farben

Serge Poliakoff: - Die Münchner Hypo-Kunsthalle zeigt über 100 Werke des russischen Malers Serge Poliakoff, der im Paris der 30er-Jahre zur ungegenständlichen Kunst fand.

Die Ausstellung "Serge Poliakoff - Retrospektive" ist eine dieser Präsentationen, die unspektakulär daherkommen, nicht in bestimmter Weise inszeniert sind, aber doch eine wohltuende Wirkung entfalten. Im Durchwandern der Säle - hier mal in mattem Dunkelblau, mal in hellem Grau - entwickelt sich wie von selbst das Forscherleben eines Künstlers. Der Betrachter sieht, wie Poliakoff - damals schon über 30 Jahre alt - übt, wie er das Vokabular eines Vincent van Gogh, Fernand Léger oder Henri Matisse austestet, wie er mit dem Pinsel den Weg ertastet, der nun der seine werden soll.

Zusammen mit seinem Sohn Alexis Poliakoff, der gerade den zweiten Band des Œuvre-Katalogs fertigstellt, und der Kunsthalle Emden hat die Münchner Hypo-Kulturstiftung eine Entdeckungsreise zu einem Maler ermöglicht. Serge Poliakoff fehlt in keiner Kunstgeschichte, ist längst ein Klassiker der Moderne, aber in Deutschland wurde ihm kaum einmal eine umfangreiche Schau gewidmet. Immerhin war man in München schon vor 50 Jahren an ihm interessiert. Sohn Alexis erzählt von seiner ersten Reise mit dem Papa hierher zur Galerie Stangl. Und ein weiterer Münchner engagierte sich für diese Malerei: Peter Ade. "Vergesst mir den Poliakoff nicht", hatte der erste Chef der Hypo-Kunsthalle kurz vor seinem Tod 2005 gesagt. Und das gab seine Witwe getreulich weiter.

Dass man auf Ades Erfahrung voll vertrauen kann, beweist die Schau mühelos. Die frühen Bilder erzählen uns, dass sich da einer ganz und gar von der Farbe faszinieren ließ. Er liebte sie mit allen Fasern und liebte all ihre "Elemente". Rieb selbst die Pigmente an, um wirklich Kontrolle über den gewünschten Ton zu haben; experimentierte mit Beimischungen, um besondere Effekte erzielen zu können. Farben verdicken sich zu Reliefs, als sei eine grob verputzte Wand gestrichen worden. Farben werden derart zu Flächen verdichtet, dass sie wie Holzteile wirken. Die einzelnen könnte man collage- oder puzzleartig zusammenfügen. Von den 40er- bis in die 60er-Jahre beherrschte Poliakoff "seine" Farben auf wunderbare Weise - wie ein Schöpfer seine Gestalten: liebevoll und ein wenig autoritär.

Deswegen vermitteln diese "Beziehungsgeschichten" zum Beispiel zwischen verschiedenen Gelbtönen, in die sich Grünvarianten hineinschieben, alle Lücken ausfüllen, ein gutes Gefühl: obwohl es keine lesbare Erzählung zu entschlüsseln gibt. Natürlich probierte Poliakoff auch eine leicht vorbeifliegende Malerei aus. Echte Rasanz gelang ihm allerdings in den aufregend geheimnisvollen Zeichnungen wesentlich besser. Sehr viel mehr lag ihm einfach seine "Bildhauerei" in Farb-Körpern. Das Leichte entdeckt der Betrachter übrigens dort genauso. Farbschichten überlagern einen Untergrund. Die Verhüllung lässt Altes ahnen, manifestiert gleichzeitig das Neue. Dieses aber ist unauslöschlich geprägt von seiner Grundlage.

Ungegenständliches kann also sehr wohl Aussagen treffen. Die mag man politisch deuten - Poliakoff hat die Russische Revolution, zwei Weltkriege und die Studentenrevolte erlebt; ästhetisch, nämlich, dass die Moderne nie das Fundament "Maltradition" zerstören kann; oder einfach Spielerisch. Denn die Kunst bietet alle Möglichkeiten - auch für den Betrachter. Er darf schauen, ohne in irgendeine Interpretation gepresst zu werden. Serge Poliakoff lädt ihn ein. Deswegen passen auch die vielen persönlichen Schwarzweiß-Fotos von ihm (und dem alten Paris) zu dieser Ausstellung.

Bis 8. Juli, Tel. 089/ 22 44 12, Katalog: 19 Euro; weiterführende LinksMehr zur Ausstellung bei Munich online

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