Enteignung von Lebenszeit

- Nach der Wende 1989 stieg der Ost-Berliner Reinhard Jirgl als Schriftsteller wie Phönix aus der Asche. Sechs Roman-Manuskripte holte er aus seiner Schublade, geschrieben zu DDR-Zeiten, aber nie dort veröffentlicht. Den 50-Jährigen ereilte schnell der Ruhm. Vielfach ausgezeichnet. Sein literarisches Zuhause: der Hanser-Verlag. Dort erschienen "Hundsnächte", "Die atlantische Mauer", "Genealogie des Tötens" und - 2003 -"Die Unvollendeten".

<P>Ein Buch von historischer Dimension und dennoch absolut zeitgenössisch . . .</P><P>Jirgl: Das Thema Flüchtlinge hat nie aufgehört, aktuell zu sein. Flüchtlinge wird es immer geben. Heute stellt sich nur die Frage, wie man mit dieser Erfahrung umgeht.</P><P>Sie sind in der DDR aufgewachsen. Da war das Thema Vertreibung offiziell tabu. Aber auch in der ernst zu nehmenden Literatur Westdeutschlands wurde es ziemlich klein gehalten.</P><P>Jirgl: Das ist wie Pilze sammeln im Wald: Erst findet man nichts, dann sieht man sie plötzlich überall. So ist das auch mit der Vertreibung. Zum Beispiel in den Briefen von Gottfried Benn an den Maler Richard Oelze, bei Arno Schmid, Siegfried Lenz, Christa Wolf, Erwin Strittmatter. . . Alles sehr im Verborgenen. Man muss schon genau lesen, um darauf aufmerksam zu werden. Deutliche Hinweise auf die Größe des Themas finden sich bei Uwe Johnson. In den "Jahrestagen" schreibt er: "Das, was ich weiß, hat mehr als zwei Seiten." Dieser Satz schuf den notwendigen intellektuellen Übergang.</P><P>Das Thema Vertreibung ist genau wie die Themen Bombenkrieg und deutsche Kriegsopfer derzeit besonders spruchreif. Warum gerade jetzt, warum so spät?</P><P>Jirgl: Als nach Ende des Kalten Krieges sich die Archive öffneten, kamen die Fragen nach Unschuld, Schuld und Sühne wieder auf. Aber von einer anderen Seite. Das hat mit Erinnerungsarbeit zu tun. Man muss rückwärts gehen, um sich dieser Thematik anzunehmen. Man muss den verfestigten Block Vertreibung auflösen. Dann stößt man auf Machtverhältnisse: Der größte Machtkomplex - das ist der Kanon von Kollektivschuld. Sie ist auf beiden deutschen Seiten unterschiedlich akzeptabel gemacht worden.</P><P>Können Sie das genauer definieren?</P><P>Jirgl: Im Westen war das Schuldbekenntnis verbunden mit steigendem Wohlstand. Seit der Nachwendezeit aber ist der Volkswohlstand am Sinken. Und mit sinkendem privaten Wohlstand schwindet auch die Bereitschaft, sich schuldig zu bekennen. In der Toskana oder in Dahlem ist es leichter, sich schuldig zu fühlen als in der Arbeitslosenschlange in Berlin-Neukölln.</P><P>Und im Osten?</P><P>Jirgl: Im Osten gab's zwar nicht diesen Reichtum, aber doch einen relativen Wohlstand, jedenfalls gegenüber den anderen Ostblockländern. Dennoch waren in der DDR Schuldfrage und Kollektivschuld nicht wie im Westen verkoppelt mit einem wirtschaftlichen Wohlergehen. Wir in der DDR, sagte man, sind die Nachkommen des antifaschistischen Kampfes. Damit befindet sich bei uns das Gute des Erbes. Wir konnten uns gegenüber Westdeutschland nicht als der reichere, aber als der bessere Mensch verstehen. Und darum war die Diskussion Väter-Söhne, so wie es sie im Westen gab, im Osten von vornherein ausgeschaltet. Ein Effekt der Wende 1989: Dieses Bewusstsein erwies sich plötzlich als nichts wert. Man musste im Osten erfahren: Alles heiße Luft; die wirkliche Beschäftigung mit dem Faschismus hatte nie stattgefunden.</P><P>Was setzte nun ein?</P><P>Jirgl: Jetzt findet eine historische Entzerrungsarbeit statt. Literatur hat immer etwas mit der Wirklichkeit zu tun, in der man lebt. Literatur verändert nicht die Welt, Literatur wird durch die Welt verändert.</P><P>Ihr Roman trägt autobiografische Züge, hat autofamiliären Charakter.</P><P>Jirgl: Wir hatten daheim die Vertreibung oft thematisiert, ich bin noch im Besitz jeder Menge Gedächtnisprotokolle, Briefe usw. Jetzt sind die Verwandten längst tot. Aber ich habe das alles wieder benutzt. Wenn man das Thema behandelt, dann nimmt man das, was man am besten kennt. Was ich wollte, das war die allergrößte, strengste Subjektivität, immer in engster Nähe zu den Figuren.</P><P>Der Titel Ihres Romans, "Die Unvollendeten", meint jene vier Frauen aus dem Sudetenland, Ihre Heldinnen. Was wäre für Sie denn "vollendet"?</P><P>Jirgl: Das wäre ein so genanntes normales bürgerliches Leben. Das Unvollendete an meinen Figuren - das ist ihr abgebrochenes Dasein, die Enteignung von Lebenszeit, die fehlenden Chancen, ein Leben zu führen, das außerhalb der gewöhnlichen Strecke liegt.</P><P>Welche Bedeutung hat für Sie Heimat?</P><P>Jirgl: Heimat - das sind Bilder der Frühe, in denen man groß geworden ist, die einen geprägt haben, die es aber nicht mehr gibt. Es sind die Perspektiven des Erinnerns. Erinnern ist aber nur möglich, wenn vorher etwas vergessen wurde. Erinnerung ist nicht unser frei verfügbarer Besitz; Erinnerung kommt, wann sie will, gestaltet von der jeweiligen Gegenwart. Würde ich dieses Buch jetzt noch einmal schreiben, dann würde es ein anderes werden. Es ist nicht wiederholbar.<BR></P>

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