Entfesselte Begierde

- Ein bisschen Altherren-Erotik darf schon sein. Noch dazu, wenn sie - bei allem Zynismus und aller auch tragischen Dimension - so leicht und selbstironisch daher kommt wie es in dem neuen Roman von Philip Roth der Fall ist. "Das sterbende Tier" ist keine Fortsetzung des "Menschlichen Makels", jenes grandiosen Erfolgsbuches des vergangenen Jahres. Aber David Kepesh, dieses sterbende Tier, dieser gierige, obsessive Mann, leidet an jenem Makel, jener tödlichen Krankheit, die in seinen Augen die Liebe darstellt.

<P>Und von ihr wird unser Held David Kepesh in seinem vermutlich letzten Mannesjahrzehnt schwer eingeholt. Er, ein prominenter Professor und durch TV-Sendungen populäre Literaturkritiker, erzählt einem dem Leser unbekannt bleibenden Gegenüber die Geschichte seiner letzten Leidenschaft. Damit auch die Geschichte seines Lebens wie die der sexuellen Revolution, die in den 60er-Jahren das prüde Amerika erfasste und die Gesellschaft veränderte - zumindest für eine gewisse Zeit. Denn aus der Sicht des Jahres 2000, des Zeitpunkts des Erzählens, fühlt sich David doch als unangepasstes, heroisches Relikt jener Jahre der Freiheit. Um so mehr, wenn er sich den exzessiven Vorwürfen seines 40-jährigen</P><P>Sohnes ausgesetzt sieht, der sich vom Vater verraten fühlte, seit der den damals Achtjährigen und dessen Mutter verließ, um sich nun legal mit Studentinnen und anderen Favoritinnen zu vergnügen. Denn für ihn war diese erste und einzige Ehe "so schlimm wie die Grundausbildung bei der Armee. Danach war ich entschlossen, nie wieder im Käfig zu leben."<BR>Die "Affäre", von der der Roman vorrangig handelt, liegt bereits mehrere Jahre zurück. David war 62 Jahre alt. Nach bewährtem Muster pickte er sich auch diesmal aus dem Oberseminar "Praktische Kritik" die Schönste heraus. Wie stets wartete er bis nach den Prüfungen, um die Studenten zur Abschlussfete zu sich nach Hause einzuladen. Dann war es so weit.</P><P>"Was für ein unmögliches<BR>Wesen man doch hat! Die<BR>Dummheit, man selbst zu<BR>sein! Jeder neue Exzess<BR>schwächte mich weiter -<BR>aber was soll ein unersätt-<BR>licher Mann sonst tun?"<BR>Philip Roth in "Das sterbende Tier"</P><P>Dann ging Consuela Castillo, die 24-jährige Tochter reicher Exilkubaner, in seinen Besitz über. Das heißt, er wünschte es sich. Ob es aber wirklich so war, ob er dieses elegante Mädchen, dessen prachtvollen Busen er vor allem bewunderte, tatsächlich allein besaß, dessen war sich der selbstbewusste Liebhaber plötzlich gar nicht so sicher. Ihn irritierte ihre gewisse "Unbeteiligtheit". Er lehrte sie, ganz der alte Erotikspezialist, alles, was sie vermutlich bei Liebhabern ihres Alters nie erfahren haben dürfte. Bis der Entfesselungskünstler der Begierde in unverhoffte Abhängigkeit von jener 40 Jahre Jüngeren geriet.</P><P>Die Beziehung dauerte eineinhalb Jahre. Consuela beendete sie. Und David therapierte sich nicht bei Frauen, mit denen er auch weiterhin schlief, sondern bei Gesprächen mit Freund George sowie bei exzessivem Klavierspiel. "Meine Beziehung zur Musik hat sich vertieft, und das ist für mein Leben jetzt von sehr großer Bedeutung. Es ist klug, das jetzt zu tun. Wie lange werden junge Frauen für mich noch erreichbar sein?"</P><P>Sympathisch ist einem dieser Zyniker zunächst durchaus nicht. Ein Macho wie er im Buche steht. Selbstherrlich. Verdächtig, weil er so radikal jenseits aller Konventionen lebt. Bis zu jenen Momenten, wo er dem Leben - und in diesem Fall ist es der Tod - konkret ins Antlitz schaut. Wo er ans Sterbebett des 15 Jahre jüngeren George eilt und Zeuge wird von der Kraft dieser Endlichkeit. Und wo ihn am Ende das unerwartete Schicksal - Consuela erkrankt, ausgerechnet, an Brustkrebs - dorthin zwingt, wo er nie hin wollte: in den Käfig des Gefühls, die Falle des Alters.</P><P>Eines Tages - Consuela und er hatten sich bereits getrennt - erhielt er von ihr eine Postkarte, einen Modigliani-Akt: "Eine Nackte mit golden schimmernder Haut, unerklärlicherweise schlafend über einem samtig schwarzen Abgrund, den ich in meiner seelischen Verfassung mit einem Grab assoziierte." Da fiel ihm sogleich die Verszeile des irischen Dichters Yeats ein: "Verzehr mein Herz; krank vor Begehren und/ Gefesselt an das sterbende Tier".</P><P>Ja, sentimental ist der Held dieses Buches auch. Aber er wäre nicht von Roth erfunden, würde er sich nicht selbst immer wieder voller Trotz und Ironie aus dem diffusen Gefühlssumpf ziehen. Darin besteht die Meisterschaft dieses Autors, der mit dem "Sterbenden Tier" einen wunderbaren, kleinen Roman über den langen Abschied eines, ja, großen Mannes geschrieben hat. </P><P>Philip Roth: "Das sterbende Tier". Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren. Carl Hanser Verlag, München Wien; 164 Seiten, 16, 90 Euro. <BR><BR></P>

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