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Valery Gergiev „inszenierte“ die Musik.

Entfesseltes Orchester

München - Valery Gergiev - Chef des St. Petersburger Mariinskij-Theaters - liebt den Knalleffekt, und Verdis Requiem bot ihm dafür reichlich Gelegenheit.

Das immer wiederkehrende „Dies irae, dies illa“ brach jedes Mal mit geradezu apokalyptischem Getöse des entfesselten Orchesters über Zuhörer und Chorsänger herein und ließ – mit im Raum verteilten Trompeten – keinen Zweifel am Schrecken des Jüngsten Gerichts aufkommen. 

Der Chef des St. Petersburger Mariinskij-Theaters war mit dem hauseigenen, von Andrej Petrenko einstudierten Chor angereist. Dazu gesellten sich bei den beiden Abo-Konzerten am Freitag- und Samstagabend im Gasteig die Münchner Philharmoniker in großem Aufgebot und ein Solistenquartett mit Ekaterina Gubanova, Sergej Semishkur, René Pape und der für die erkrankte Krassimira Stoyanova eingesprungenen Viktoria Yastrebova.

Gergiev reizte in Verdis dramatisch durchwirkter „Messa da Requiem“ die dynamischen Kontraste aus und „inszenierte“ die Musik mit sicherem Gespür für alle nur möglichen Effekte. Das machte Eindruck, täuschte auch über manches Manko hinweg.

Denn schon im eröffnenden, nur geraunten „Requiem aeternam“ irritierte ein seltsames Verschwimmen der Chorstimmen. Auch in späteren Chorpassagen vermisste man konturierte Klarheit und Punktgenauigkeit. Letztere fehlte zuweilen auch dem Orchester, das zwar mächtig aufdrehen durfte, aber insgesamt zu wenig Feinschliff offerierte.

Dennoch, manch instrumentale Solistenbegleitung von Fagott, Oboe oder Klarinette beeindruckte, und die Celli sangen beim „Domine Jesu“ mit den Sängern. Ekaterina Gubanova besitzt genau jene aufregend dunkle Tönung, die Verdis Altistinnen brauchen. Viktoria Yastrebova sang sich nach anfänglicher Befangenheit schließlich doch frei und gefiel vor allem in der schwebenden Höhe.

Mit markantem, fein phrasiertem Tenorstrahl überzeugte der junge Sergej Semishkur, und René Pape sorgte mit der gepflegten Schwärze seines samtigen Basses für eine noble Abrundung des ausdrucksstarken Teams.

Gabriele Luster

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