Entfesselung und Anarchie

- Gnade der späten Geburt? Im Gegenteil: Von Schubert über Brahms bis zu Mahler reicht die Reihe der Komponisten, denen Ludwig van Beethoven als kompositorisches Über-Ich mal mehr, mal minder quälend im Nacken saß, wenn sie Symphonien schrieben. Mit welch bis heute unerhörten, maßstabsetzenden Möglichkeiten subjektiven Ausdrucks Beethoven das Gefäß der klassischen Symphonie erfüllte, das haben Nikolaus Harnoncourt und die Wiener Philharmoniker bei den Salzburger Festspielen eindrucksvoll demonstriert.

<P>13 Jahre und 71 Opus-Zahlen liegen zwischen Beethovens erster Symphonie C-Dur aus dem Jahr 1800 und und der siebten in A-Dur, uraufgeführt 1813. Dennoch besteht zwischen beiden Stücken eine innere Kontinuität: die Tendenz zur energetischen Entfesselung. In der Ersten beginnt das Auf und Ab der Spannungszustände bereits mit dem unerwarteten dissonanten Anfangsakkord der langsamen Einleitung. Harnoncourt nimmt deren "Molto adagio" tatsächlich sehr ruhig und schafft so einen Moment geheimnisvoll unentschiedenen Sich-Besinnens, bevor das luzide Allegro con brio seinen Höhenflug antritt.</P><P>Harnoncourts Beethoven leuchtet gerade dadurch von innen heraus, weil gar nichts Besonderes zu geschehen scheint: keine Mätzchen, nichts Gesuchtes, kein narzisstisches Sich-Selbst-Produzieren der Interpreten. Pulsierende, transparente Exaktheit bringt die rhythmischen Unwägbarkeiten des Scherzo-Menuetts in abgründige Schwingung, eine schlichte Ritardando-Aufladung am Anfang des Finales: So bildet sich die Vielfalt alles Lebendigen musikalisch überzeugend ab.</P><P>In Beethovens Siebter erreicht das Spiel der Kräfte neue Bewusstseinsbereiche, deren anarchisch-entgrenzende Verlockungen von der klassischen Form gerade noch im Rahmen gehalten wird. Die Wiener Philharmoniker realisieren mit Lust jedes irrwitzige Detail des dionysischen Kolosses - das Toben der Musik scheint am Ende im rhythmischen Klatschen und Füßetrampeln in der Felsenreitschule seine natürliche Fortsetzung zu finden.<BR></P>

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