Die entscheidende Sekunde

- Der längst Rasur-pflichtige Musikerwitz ("Notfalls muss es auch mit Dirigent gehen") traf bei diesem Gasteig-Abend nicht zu. Denn vermisst hat man sie schon - die ordnende Hand, jene zentrale Figur eben, die nicht nur koordiniert, sondern entscheidende Impulse gibt.

Dabei hat Rudolf Buchbinder, der vom Flügel aus die Wiener Symphoniker leitete, durchaus eine genaue, sehr überzeugende Vorstellung von Beethovens erstem und fünftem Klavierkonzert. Nummer eins: ohne kantig-martialischen Tonfall (den andere hier gern einsetzen), dafür variantenreich und geschmackvoll im Ausdruck, mit klarem Melos im Mittelsatz, die eingebauten Widerhaken immer hervorhebend. Buchbinder spielte eher introvertiert, mit Understatement - ein Solist, der sich und anderen nichts mehr beweisen muss.

Schade nur, dass seine klug balancierte Deutung nicht sofort beim Orchester verfing. Tutti-Einsätze waren selten "auf dem Punkt". Oft hing das Ensemble um die Dialog-entscheidende Sekunde hinterher, agierte schwerfällig - zumal die Wiener ohnehin in einer kritischen Größe aufmarschiert waren.

Ein anderer Höreindruck dann nach der Pause, aber Nummer fünf ist ja auch der größere Repertoire-Hit. Buchbinder und die Symphoniker agierten nun geschlossener, endlich stellte sich so etwas wie musikalische Korrespondenz ein. Überraschend schlank und wendig zog der Kopfsatz vorbei (abgesehen von einer Irritation gegen Ende). Buchbinder verfiel nie in inhaltsarme Virtuosität, strukturierte dichte Passagen sehr genau.

Ohne Sentiment, dafür liedhaft schlicht glückte das Adagio, das abschließende Rondo bot Buchbinders sublimem Humor die rechte Fundgrube. Zu Recht heftiger Applaus für einen der wichtigsten Beethoven-Interpreten unserer Zeit. Und die Hoffnung auf den 3. März mit den "restlichen" Konzerten des Meisters, bei dem die Rahmenbedingungen glücklicher sein dürften: Da steht Buchbinder das kleinere Wiener Kammerorchester bei.

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