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So entstand der erste Beatles-Song

London - Es ist ein Stück Popgeschichte: Am Dienstag vor 50 Jahren nahmen die Fab Four in den Abbey Road Studios ihre erste Single „Love me do“ auf.

Er wusste selber nicht so recht, warum er sich darauf eingelassen hatte. George Martin, Chef der kleinen Londoner Plattenfirma „Parlaphone“, hatte zugestimmt, mit vier völlig unbekannten Provinzlern eine Single zu produzieren. Alle anderen Plattenfirmen in Großbritannien hatten die Beatles zuvor abgelehnt – nur Martin gab ihnen eine Chance und vertraute dabei auf seine Intuition. Sie hatten ihn zum Lachen gebracht, diese vier Halbstarken, und sie hatten unverkennbar Charisma. Musikalisch allerdings hatten sie Martin nicht wirklich vom Hocker gehauen, und als John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr am 4. September 1962 an ihrem ersten regulären Studiotag vor ihm in den Abbey Road Studios stehen, bereiten sie ihm sofort wieder Sorgen.

Martin hatte den Schlager „How do you do it?“ des Komponisten Mitch Murray für die Beatles ausgesucht und sie gebeten, ein Arrangement zu erarbeiten. Martin ist sicher, dass dieses Lied das Zeug zum Hit hat, aber die Beatles ziehen nicht mit. Sie hatten schon ihren Schlagzeuger Pete Best rausgeworfen, weil Martin nicht von ihm überzeugt war, und durch Ringo Starr ersetzt. Genug Kompromiss – findet vor allem Lennon, der zum Entsetzen des Beatles-Managers Brian Epstein darauf besteht, eine Eigenkomposition auf die erste Single zu pressen.

Sie rotzen „How do you do it?“ zwar auf Band, wollen es aber nicht unter ihrem Namen veröffentlichen. Überraschenderweise lässt sich Martin darauf ein, und die Beatles nehmen jenes Lied auf, das Martin beim Vorspielen noch am interessantesten gefunden hatte: „Love me do“. Die rohe Energie und das extravagante Mundharmonikaspiel von Lennon gefallen Martin – niemand sonst benutzt seinerzeit eine Mundharmonika in der Popmusik. Bis auf ein gewisser Bob Dylan im fernen New York. Aber den kennt noch kein Mensch außerhalb von Greenwich Village.

Dennoch ist Martin noch immer nicht mit dem Schlagzeugpart zufrieden. Starr, gerade erst zwei Wochen dabei, durchlebt schlaflose Nächte und ist zutiefst deprimiert, als die Band am 11. September noch einmal ins Studio muss, um die Rhythmusspur neu aufzunehmen: Am Schlagzeug sitzt nun der professionelle Studiomusiker Andy White – Starr darf nur ein bisschen mit dem Tamburin rasseln. Am selben Tag nehmen die Musiker auch die B-Seite „P.S. I love you“ auf, ebenfalls eine Lennon/ McCartney-Nummer. Am 5. Oktober 1962 erscheint dann endlich die erste Single.

Es passiert – erst mal nichts. Es gibt keine Hysterie, keine fanatisierten Massen. Mit viel Mühe hangelt sich die Platte auf Platz 17 der Charts. Ein Achtungserfolg, aber alles andere als ein Hit. Zumal es ein offenes Geheimnis ist, dass Manager Epstein für sein Plattengeschäft in Liverpool eine stolze Menge an Singles geordert hatte, um die Verkaufszahlen zu erhöhen. George Martin kommt derweil wieder auf „How do you do it?“ zurück, aber die Beatles bleiben renitent. Martin reagiert clever, unterbreitet ein Angebot: Wenn sie ein besseres Lied bringen, kommt das auf die Single.

Weshalb Martin dieses Vertrauen in das Talent der Beatles hatte, konnte er später selbst nicht recht erklären. Er lässt die Beatles jedenfalls gewähren. Wie besessen werkeln die vier daraufhin an „Please Please Me“ – und können ihn damit überzeugen. Am 26. November 1962 nehmen die Beatles den Song auf, und nach dem letzten Take spricht George Martin die legendären Worte: „Glückwunsch, meine Herren, Sie haben eben Ihren ersten Nummer-1-Hit aufgenommen.“

Martin behält Recht, der Rest ist Geschichte. Es folgen 19 weitere Nummer-1-Hits und bis heute 1,3 Milliarden verkaufte Tonträger. Das von den Beatles so ungeliebte „How do you do it?“ wird übrigens später tatsächlich auch noch ein Hit. Die Liverpooler Kollegen von Gerry and the Pacemakers sind sich nicht zu schade, das Lied als Debüt zu veröffentlichen. Sie übernehmen das effektive Arrangement der Beatles und landen im Frühjahr 1963 auf dem ersten Platz der Charts. Produzent ist George Martin, Manager Brian Epstein. Alles bleibt in der Familie. Wenn man sich das Lied heute anhört, versteht man freilich, weshalb die Beatles ihre Karriere aufs Spiel setzten, um diesen Hit nicht zu landen: ein harmloses Liedchen, das man in dem Moment vergessen hat, in dem es endet. Es gibt ja einen Grund, weshalb die Beatles heute jeder kennt. Gerry and the Pacemakers aber nur Eingeweihte.

Zoran Gojic

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