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Ulrich Peters: An seinem Haus hat am Sonntag „Der kleine Prinz“ Premiere.

Premieren-Interview

Entweder ganz oder gar nicht

München - Gärtnerplatz-Intendant Ulrich Peters über sein erstes Jahr in München und das Ballett „Der kleine Prinz“

Eine der poetischsten und berührendsten Geschichten über Freundschaft und Liebe wird ab Sonntag im Münchner Gärtnerplatztheater erzählt: Tanzchef Hans Henning Paar präsentiert eine Ballettfassung von Antoine de Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“. Und das zur Live-Musik von Erik Satie, die Oleg Ptashnikov dirigiert. Die Produktion wendet sich an die „ganze Familie“, ist also vor allem für den Nachwuchs gedacht. Ein Anlass, Intendant Ulrich Peters eine Bilanz seiner bisherigen Münchner Tätigkeit ziehen zu lassen. Seit einem guten Jahr ist er Chef am Gärtnerplatz.

-Wie gehen Sie mit Kinder- oder Jugendstücken um? Wie werden die überhaupt beworben?

Wir gehen direkt an die Schulen, laden auch zu Workshops ein. Die Schulen bekommen Material oder Tonbeispiele. Wir haben Tänzer, Sänger und Dramaturgen zum Anfassen. Und wir bieten auch Packages an mit Führungen. „Der kleine Prinz“ wird uns da sicherlich von der Nachfrage ein sehr gutes Ergebnis bringen.

-Ist das noch immer ein Stoff, der auch heutige Kinder begeistert?

Klar. Diese Produktion wurde vor vier oder fünf Jahren in Braunschweig ausprobiert und war so zauberhaft schön, dass alle hingerissen waren.

-Bergen diese Stücke nicht eine Gefahr? Bietet man nicht gewisse Aufführungsgettos? Nur für Kinder, nur für Erwachsene...

Wenn ich an die vergangene Saison denke: „Die Schöne und das Biest“ dachten wir uns gar nicht als Kinderstück. Die Eltern kamen ein zweites Mal und nahmen ihre Sprösslinge mit. Auch in unserer Rockoper „Christo“ saßen auf einmal 60-Jährige. Wir machen einfach Angebote.

-Und streuen die sehr breit.

Unsere Devise heißt nach wie vor Vielfalt. Es gibt ja keine Garantie dafür, wie beliebt eine Aufführung letztlich ist. Bei vielen Produktionen kann man sich auch mal die Moderne leisten. Läuft die nicht gut, fällt das etwa neben einem beliebten frühen Verdi nicht so ins Gewicht. Wir haben ja auch ein unglaublich heterogenes Publikum.

-Aber entscheidend sind noch immer die Stücke. Sogar eine fragwürdige „Zauberflöte“ wird ja gern genommen.

Das ist das Deprimierendste für uns Theaterleute: Unser Spielplan wird durch diese Entwicklung immer dürftiger. Am Ende bleiben die „Big Five“, darunter „Zauberflöte“, „Carmen“ oder „Barbier“. Die Menschen rennen ja auch dauernd in neue Kinofilme. Warum eigentlich sind alle beim Musiktheater so zurückhaltend?

-Und welche Rolle spielt die augenblickliche wirtschaftliche Situation?

Die Leute halten sich mit dem Ticketkauf schon mehr zurück. Und wenn sie sich etwas leisten, dann eben Bekanntes. Das gibt gewissermaßen Halt. Nur dürfen dann die Besucher nicht vergessen: Gerade durch die Verengung auf wenige Stücke wurde ja das von manchen ungeliebte Regietheater erst befördert. Weil man Altbekanntes immer neu erzählen musste. Den, wie ich finde, lohnenden „Nebeneffekt“ muss man dann eben in Kauf nehmen.

-Aber die Zeit der großen Skandale ist ja vorbei. Man gewöhnt sich an alles.

Das stimmt. Was wir feststellen: Man will für seine Karte einfach einen entsprechenden Gegenwert. Ich kann den Besuchern szenisch einiges zumuten. Was aber immer am Wichtigsten ist: gute Sänger. Die sind natürlich in München nicht für ’nen Appel und ’nen Ei zu haben.

-Welche Überraschungen gab es also in Ihrer ersten Saison? Was war eher deprimierend?

Zwei Überraschungen gab es. Zum einen „Die Schöne und das Biest“, mit einer solchen Fangemeinde hatte ich nicht gerechnet. Die andere war „Masnadieri“, vor denen ich einfach Bauchweh hatte. Weil ich auch wusste: Verdi muss man einfach hochkarätig besetzen. Größte Enttäuschung war „Fra Diavolo“. Die Leute sagen dauernd zu mir: Mach’ doch mal was Nettes, nicht immer nur Mord und Totschlag. Und dann...? Das hat mich in den Grundfesten meiner Spielplanpolitik erschüttert.

-Was unternehmen Sie dagegen?

Vor allem wollen wir nun eine Publikumsbefragung starten. Wir wollen wissen: Wer kommt zu uns? Und was wollen unsere Besucher?

-Welche Lehren ziehen Sie aus der ersten Saison?

Der frühe Verdi scheint in München eine echte Marktlücke zu sein. Da haben wir schon Pläne für die übernächste Saison. Spieloper ist dagegen nicht so gefragt. Donizettis „Liebestrank“, die Premiere ist am 3. April, könnte ziehen. Womöglich legen wir bei Donizetti und Rossini ein bisschen nach. Mir blutet die Seele, wenn ich nun meine geliebte französische Spieloper ad acta lege. Und unsere Rockoper... Wenn wir so etwas wieder machen, wird es fetziger, reißerischer, schriller, schräger, lauter sein. Da haben wir uns nur halb getraut. Vor allem das habe ich hier gelernt – entweder ganz oder gar nicht.

Das Gespräch führte Markus Thiel

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