Entweder Torwart oder Tänzer

Matinee der Bosl-Stiftung: - Solotänzer Norbert Graf als Choreograph: Anlässlich der Ballettwoche des Bayerischen Staatsballetts stellt er an diesem Sonntag im Münchner Nationaltheater in der Matinee der Bosl-Stiftung seine Arbeit mit den Tanzstudenten vor.

Die "Amtssprache" ist Englisch. 28 junge Leute der Ballettakademie München hören auf seine Kommandos. Und die gibt Norbert Graf in größter Lässigkeit. 28 Augenpaare sind auf ihn gerichtet - auf jenen so beliebten Solotänzer des Bayerischen Staatsballetts, der sich hier als charismatischer Choreograph erweist. Wir befinden uns bei den Proben der Heinz-Bosl-Stiftung, die mit ihrer Matinee das Programm der Ballettwoche 2007 bereichert.

Die Stiftung ist für Norbert Graf vertrautes Terrain. Ein Stück Heimat für den 36-Jährigen Rheinländer. Mit 16 war er nach München gekommen, um hier seine Ausbildung zu absolvieren. Denn es gab für ihn nur zwei Alternativen: entweder Torwart oder Tänzer. Die Altersgrenze ist bei beiden Tätigkeiten etwa gleich. Wobei im Gegensatz zu manch berühmtem Keeper im Tor Norbert Graf noch immer als Top-Solist des Staatsballetts gehandelt wird.

Als er mit dem Tanzen begonnen hat, habe er mit Sicherheit nie daran gedacht, einmal zu choreographieren. "Das hätte ich mir gar nicht zugetraut." Dass es dennoch dazu kam: "Der pure Zufall." Zwei Musiker suchten für ein Konzert in der Lukaskirche einen Choreographen... So entwickelte sich das. Und Norbert Graf merkte, was es ihm für einen Spaß bereitet, eine Sache "zu strukturieren, mit anderen Menschen zu arbeiten, mit ihnen etwas zu entwickeln". Es folgten Arbeiten in der leider nicht mehr existierenden Reihe "Junge Choreographen" des Bayerischen Staatsballetts und so weiter. "Aber ich habe bisher nie mit mehr als vier Tänzern gearbeitet." Jetzt sind es auf einmal 28.

Norbert Graf ist ein großer, attraktiver Mann, auf den, wie geraunt wird, viele Tänzerinnen ein Auge geworfen hatten, der aber längst in festen Händen ist, nämlich in jenen der Staatsballettsolistin Valentina Divina. Doch auch jetzt bei den Proben im Balettsaal ist unübersehbar, dass vor allem die jungen Tänzerinnen jede Geste ihres Lehrmeisters, jeden Blick, jeden Ton förmlich aufsaugen. Und es sind viele Tänzerinnen, neun Paare und zehn Mädels.

Titel der Choreographie, die an diesem Sonntag uraufgeführt wird: "Letter de Livoi". Sozusagen ein getanzter Brief, und zwar an den amerikanischen Komponisten Andersen, dessen Musik Graf hier verwendet: "Eine sehr ansprechende Musik. Sie enthält Walzer, Tango, dann wieder Nummern im Stile Gershwins. Sie gibt allen Tänzern die Chance, sich gut zu präsentieren. Eine Musik wie ein einziger Sonnenschein. Und ich dachte, ich müsste ihm schreiben, wie schön sie ist." Schreiben gleich Tanzen. Damit das auch optisch deutlich wird, sind die Kostüme der Tänzer mit großen einzelnen Buchstaben versehen.

Ein Besuch bei der Bosl-Stiftung lässt einen die bedingungslose Hingabe der kleinen und größeren Eleven spüren. Bei ihnen wie auch den etwas älteren, den Studenten, die das Tanzen zu ihrer Profession machen, fasziniert, dass sie die Härte des Berufs, die Qualen, die er mit sich bringt, geradezu genießen. Ja, dass sie sie mit Leidenschaft und Anmut auskosten. Letztlich für eine nur kurze Berufszeit.

Hat sich, da sich die Menschen allgemein länger jung erhalten, die Altersgrenze für Tänzer nicht auch nach oben verschoben? Graf: "Ich glaube nicht. Die Anforderungen sind doch gewaltig. Die Schritte und Stile sind heute wesentlich athletischer als vor 15 Jahren. Kräftezehrender. Der Kosten-Nutzen-Faktor ist in unserem Beruf sehr hoch. Wir Tänzer müssen zu jeder Vorstellung quasi bei Null anfangen."

Norbert Graf gilt als leidenschaftlicher Darsteller - nicht nur in den Handlungsballetten, auch in den abstrakten. "Ich versuche, aus allem Nutzen zu ziehen. Es kann ein modernes, abstraktes Stück genauso spannend sein wie ,Romeo und Julia’. Der Körper kreiert das Drama. Man sollte in jeder Form ans Maximum gehen, auch wenn es nur eine minimale Sache ist."

Vermisst er beim Handlungsballett, zum Beispiel in der Rolle des Petruchio, die Sprache? "Nein. Aber ich sage mir - und das habe ich von Konstanze Vernon gelernt - im Kopf die Sätze auf, damit der Körper den entsprechenden Ausdruck findet. Meistens jedoch ist man von der Technik des Tanzens und der Zählerei so beansprucht, dass man keinen Gedanken an die Sprache verschwendet. Bei der Premiere an diesem Samstag, bei ,Chamber Symphony’, ist ein unglaubliches Maß an Konzentration erforderlich. Die einzelnen Gruppen stehen hinter der Bühne und zählen - bis zu ihrem Auftritt. Denn wenn eine die Einsätze nicht richtig hinbekommt, stimmt gar nichts mehr."

Vor 20 Jahren kam Norbert Graf nach München. Seit 20 Jahren Selbstkasteiung für den Beruf des Tänzers. Würde er es wieder so machen? "Bis jetzt habe ich keine Sekunde bereut. Ich bin für jeden Tag auf der Bühne dankbar. Für mich ist es eine Erfüllung." Und was wird einmal aus dem kleinen Sohn von Valentina Divina und Norbert Graf? "Das habe ich schon entschieden: Er wird Linksaußen. Er wird Fußballer."

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