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Katja Bürkle (Jahrgang 1978) spielt in „Atropa“ die Agamemnon-Tochter Iphigenie und seine Beute-Konkubine, die trojanische Königstochter Kassandra.

Mit erbarmungsloser Klarheit

München - Zur Premiere bei den Kammerspielen spricht Katja Bürkle über das Stück „Atropa – die Rache des Friedens“, aktive Frauen und neue Denkräume.

Krieg zur Verteidigung von Ehre, Werten und Kultur. Krieg unter dem Deckmantel hehrer Absichten – es hat sich nichts geändert seit der Antike: Vorwand für die Eroberung Trojas durch die Griechen war die ihnen geraubte schöne Helena, für den US-Einfall in den Irak war es die angebliche Produktion von Massenvernichtungswaffen. Die Troja-bezogenen Dramen von Euripides und Aischylos mit Kriegsrhetorik à la Bush und Rumsfeld zu versetzen, ist durchaus sinnvoll. Und funktioniert in „Atropa – die Rache des Friedens“ (2008) vom flämischen Autor Tom Lanoye, der seit seinem zwölfstündigen Shakespeare-Zusammenschnitt „Schlachten!“ als Fachmann für dramatische Komprimierung gilt. An diesem Samstag hat das in Anlehnung an die Schicksalsgöttin Atropos getitelte Stück Premiere an den Münchner Kammerspielen. Stephan Kimmig inszeniert. Im Team der sieben Darsteller spielt Katja Bürkle die von Agamemnon fürs Schlachtenglück geopferte Tochter Iphigenie und seine Beute-Konkubine, die trojanische Königstochter Kassandra.

„Ich habe zum ersten Mal mit einem Lanoye-Text zu tun und finde ihn hochspannend. Er macht unglaublich komplexe Denkräume auf“, sagt Katja Bürkle, die, was gleich deutlich wird, die intellektuelle Auseinandersetzung sucht. Denken muss man bei Lanoye, auch ein bisschen weg von den klassischen Vorlagen: am Ende tötet Klytämnestra nicht ihren Gatten Agamemnon, sondern die von ihm mitgebrachten trojanischen Frauen – auf deren stolzes, eindringliches Geheiß hin. Eine kleine Irritation ist auch die Iphigenie-Kassandra-Doppelrolle. Für Intensiv-Schauspielerin Bürkle allerdings „ein großes Geschenk“: „Es ist ja eine vitale Iphigenie. Sie opfert sich innerhalb der Konstellation einer Herrscherfamilie aus freien Stücken, in vollem Bewusstsein – und nicht nur vom Vater gesteuert.“ Und Kassandra sei hier eben nicht nur die überlieferte Seherin. „Kassandra – und das hat Lanoye fast mit allen Frauenfiguren geschafft – ist sehr aktiv im Denken und Tun. Sie geht ganz bewusst, quasi als umgekehrtes Trojanisches Pferd, mit nach Griechenland und weiß genau, wo sie den Rachestachel setzen kann.“

Und dann sind da noch, reizvoll, aber nicht unschwierig, die beiden Sprach-Ebenen. Bürkle, voller Bewunderung: „Diese Qualität, wie Lanoye es schafft, Figuren, die aus Archetypen der Antike heraus geschaffen sind, immer wieder mit einem Fingerschnipps quasi runterzuholen auf das konkret Private, konkret Heutige – auf uns.“

Wie gelingt dieser Wechsel vom hohen zu einem fast schnoddrigen Ton? „Im Spiel mit Kollegen, bei denen man weiß, man ist auf dem gleichem intellektuellen Niveau. Spielerisch kann da ein extremes Pingpong stattfinden. Daraus entsteht eine große Gedankenschärfe in allem Tun auf der Bühne.“ Dass Lanoye mit seiner Parallelsetzung von Troja- und Irak-Krieg schon ein bisschen konstruieren musste, sieht Bürkle nicht: „Diese Parallele kann man durchaus ziehen. Troja war eine prosperierende Stadt, es ging um wirtschaftliche Interessen. Das griechische Heer war militärisch weit vorne, durchaus vergleichbar mit einer hochgerüsteten US-Armee. Und dann natürlich der Irrsinn, dass man behauptet, es ginge um die Befreiung von Unterdrückten... Da wird keiner befreit, da wird einfach zerstört.“

Wer ist schuld am Trojakrieg? Agamemnon, der große, volltönend die Pflicht vorschiebende Kriegstreiber? Oder auch Klytämnestra, der es als Erster um Rache für Helenas Raub ging? Dazu Bürkle: „Im Text heißt es, sie sei genau so schuldig wie ihr Mann, denn warum hat sie sich kein einziges Mal gewehrt? Ist man erst schuldig, wenn man eine Tat begeht oder beginnt die Schuld schon im Zulassen der Tat? Das ist die Frage, die sich jeder stellen muss.“

Katja Bürkle machte in der Schule auch rhythmische Sportgymnastik, wirkt auch jetzt drahtig-gestählt. Trotzdem könnte man sich vorstellen, dass dieses Stück mit seinen Menschenopfern und Selbsttötungen viel Kraft kostet. Bürkle: „Abseits der physischen Anstrengung, gibt es immer auch eine geistige Anstrengung, die einen sogar mehr Kraft kostet – ähnlich wie bei Jelinkes ,Rechnitz‘ beispielsweise gilt es auch bei ,Atropa‘, sich manche Gedanken, die gedacht und ausgesprochen werden, quasi vom Leib zu halten. Zweimal bewusst zu sterben oder den Tod zu denken, das hinterlässt, ehrlich gesagt, schon Spuren.“

Und wird man auf der Bühne gewalttätigen, blutigen Realismus erleben? „Wir versuchen, das Stück in einer großen, einer erbarmungslosen Klarheit zu zeigen. Die im ersten Teil mit dem Opfer Iphigenies sehr emotional und durchaus berührend ist. Das darf es auch sein. Es darf wehtun. Es gibt große Bilder, die wir aber sehr sparsam einsetzen. Ich glaube, es ist vor allem ein Abend für den Kopf. Es wird eher Blut geschwitzt als in Blut gebadet.“

Malve Gradinger

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