Erben des Unglücks

- Es war einmal ein berühmter israelischer Schriftsteller namens Amos Oz, der hatte schon viele Romane, Erzählungen und politische Essays geschrieben und wichtige Preise dafür erhalten. Eines Tages verfasste er ein geheimnisvolles Märchen und widmete es den Kindern, die mit eigenen Vorschlägen daran mitgewirkt hatten.

Es begann nicht mit den Worten "es war einmal" und handelte auch nicht von schönen Müllerstöchtern, tapferen Prinzen und bösen Stiefmüttern. Sondern von einem mutigen Mädchen und einem nachdenklichen Jungen, die nicht akzeptieren wollten, dass sie in einer unfreundlichen Welt leben sollten, ohne dass ihnen ihre Eltern eine vernünftige Erklärung für die bedrohlichen Zustände gaben.

Das kleine Werk "Plötzlich tief im Wald" handelt von einem Bergdorf, aus dem vor langer Zeit über Nacht sämtliche Tiere, vom Holzwurm bis zum Ackergaul, verschwunden sind. Einige besonders tierliebe Bewohner kostete das den Verstand. Und immer wieder einmal geht einer von ihnen die Tiere im Wald suchen und kehrt dann etwa wiehernd wie ein Fohlen zurück. Als Erklärung tischen die Eltern ihren Kindern nur rätselhafte Geschichten auf, die sie keinesfalls für wahr halten sollen.

Im Übrigen redet man tunlichst nicht über die merkwürdige Unbelebtheit im Dorf und die unbestimmbaren Ängste seiner Bewohner. Hier macht der Erzähler besonders deutliche Anleihen an die Formen mündlicher Überlieferung, die in der Schriftlichkeit irritieren: Er wiederholt sich, widerspricht sich mitunter, ergeht sich in unschlüssigen Varianten, kommt mit der Handlung erst allmählich in Fahrt.

Zwei aufgeweckte Kinder, Maja und Mati, lassen sich allerdings von der Geheimniskrämerei nicht abschrecken. Sie entdecken einen Einsiedler, der sich einst an seinen Mitmenschen aus Verbitterung über deren grausame Spottlust zusammen mit den Tieren rächte. Doch die schlaue Maja lässt diesen Mann mit seiner egoistischen, allzu einfachen Lösung nicht davonkommen.

Das Märchen des Friedensaktivisten Amos Oz ist auch eine Parabel. Nicht direkt auf den Nahostkonflikt - eine 1:1-Übersetzung könnte den komplizierten Verwicklungen kaum gerecht werden. Doch im kleinen Muster der einfachen Geschichte lassen sich einige allgemeine Wahrheiten über viele Konflikte wiederfinden.

Gefährliche Legenden und völlige Ignoranz

Zwei  Parteien  -  die manchmal gehässigen Dorfbewohner und ein paar sensiblere Außenseiter - machen einander das Leben schwer, ohne dass sie je ihre Probleme miteinander besprechen würden. Auf das Verhalten der anderen Seite reagieren sie jeweils mit völliger Ignoranz. Über die Jahre schleicht sich bei beiden eine gefährliche Legendenbildung ein. Die Leidtragenden und Erben des Unglücks aber sind die unwissenden Kinder, die sich keine Alternative zu den Verhältnissen mehr vorstellen können. Es sei denn, sie sind so mutig und unabhängig wie Maja und Mati. Aber ein Happy End hat Amos Oz diesem Märchen trotzdem nicht geschrieben. Wie könnte er auch, wenngleich zu diesem Zeitpunkt noch nicht Krieg war.

Für sein Lebenswerk erhält Amos Oz im September den Bayerischen Buchpreis Corine.

Amos Oz:

"Plötzlich tief im Wald".

Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler.

Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M., 112 Seiten;

12,80 Euro

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