Erbfolgekrieg

- Von den großen Umwälzungen, von den international gefräßigen Imperien ist dieser Familienverlag verschont geblieben. Obgleich sich im blitzenden Neubau des Unternehmens schon die neue Zeit ankündigt, während Chef Reinhard von Heuken noch nach guter alter Schule und unter Köpfung mancher Weinflasche mit seinen Edelfedern verkehrt. Doch jetzt liegt der Kölner Patriarch mit zweitem Infarkt samt schlechter Prognose in der Klinik, sodass sich die Familie zum Erbfolgekrieg rüstet.

Eines hat Hanns-Josef Ortheil mit seinem aktuellen Roman "Die geheimen Stunden der Nacht" erreicht: Für Kenner des Literaturbetriebs veranstaltet er ein lustiges Rätselraten. Wem gleicht also der trinkfeste Konzernleiter? Dem  alten Ernst  Rowohlt?

Beschwingtes Familienepos

Und wem der selbstverliebte, Wort- und Gedankenhülsen absondernde Autor Hanggartner, den keiner mag, der aber das meiste Geld bringt? Gar Martin Walser?

Für den gemeinen Leser bietet sich immerhin ein Familienroman, der von Generationen- und Lebensentwürfen erzählt, von einem Vater-Sohn-Konflikt, von später Selbstverwirklichung und dabei romantisch-moralisch (v)erklärt: Vorsicht, neben der Arbeit muss es ja noch was anderes geben.

Drei Kinder geraten im Nachfolgezwist aneinander, vor allem die beiden Söhne Georg und Christoph, nachdem Schwester Ursula abgewunken hat. Ortheil schildert alles aus Georgs Sicht und schickt den Sohnemann auf eine Entdeckungsreise in des Vaters geheimes, letztlich gar nicht so aufregendes Zweitleben. Georg, der Älteste und Empfindsame, erlebt die bedrohliche Krankheit des Vaters als Katalysator für das eigene Schicksal. Eine andere Frau tritt da auf einmal in den Alltag des Familienvaters, neue, kulturelle Interessen werden geweckt. Und am Horizont zeichnet sich ab, dass da ein guter, allem und jedem aufgeschlossener Verleger heranwächst - obwohl die Sache im Roman dann doch anders als erwartet und merkwürdig luftleer ausgeht.

"Die geheimen Stunden der Nacht" ist ein beschwingt geschriebenes Familienepos, dessen Seitenhiebe auf das Verlagsgeschäft indes kaum Wirkung entfalten, die also lediglich suggerieren, hier werde die Branche mal so richtig kritisch hinterfragt. Typisch Ortheil: Er grundiert alles mit feinem Humor, der im Falle des eigenwilligen Schriftstellers Hanggartner die schönsten Passagen beschert. Und dass Ortheils Lektor manche Formulierungen wie "rüttelt das Licht an den Domkonturen" durchgerutscht sind, kann eigentlich nur so erklärt werden: Es ist wohl als Hanggartner-Parodie gemeint.

Hanns-Josef Ortheil: "Die geheimen Stunden der Nacht". Luchterhand Verlag, München, 382 Seiten; 21,90 Euro. Der Autor stellt sein Buch am 20.11., 19 Uhr, auf der Münchner Bücherschau vor (Black Box, Gasteig).

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