Die Erfindung des Müllerns

- Er habe den Gedanken des Maschinengewehrs zum ersten Mal auf den Verlagsbuchhandel übertragen, so spotteten, mit Bewunderung und wohl auch ein wenig Neid, Verleger-Kollegen wie Wilhelm Blumtritt. Der erläuterte 1911 im Faschingsheft des "Bücherwurms": "Das Müllern ist eine Art der Bücherherstellung, die von Jahr zu Jahr mehr Anhänger findet."

<P>Der dieses verlegerische Verfahren erfunden und zu einigem Erfolg geführt hat, ist der gebürtige Mainzer Georg Müller. Der Sohn eines Ledergroßhändlers erlernte sein Metier in renommierten Wiener und Berliner Buchhandlungen, um 1903 in der Münchner Königinstraße mit familiärem Startkapital seinen eigenen Verlag zu gründen. Zuvor hatte er im Börsenblatt des Deutschen Buchhandels inseriert: "Suche Verlag für 150 000 Reichsmark zu kaufen." Denn Müller wollte auch mit einem literarischen Grundstock beginnen und erwarb vom Berliner Georg Heinrich Meyer Verlag die Rechte an damals beliebten Autoren wie Rudolf Huch oder Adolf Pichler. <BR><BR>Was der Vollblutverleger bis zu seinem Tod 1917 durch seine "Mühle", wo er zugleich wohnte, ausspucken ließ, zeugt nicht nur von der legendär gewordenen Quantität, sondern, was Buchgestaltung und Illustration, aber auch ambitionierte Werkausgaben und literarische Entdeckungen angeht, von ungewöhnlichem Niveau. Und deshalb bringt Georg Müller heute noch bibliophile Sammler-Augen zum Leuchten.<BR><BR>Der Freundeskreis Georg Müller Verlag hat nun seine Materialien für die Ausstellung "Sein Dämon war das Buch" in der Münchner Monacensia zusammengetragen und außerdem das gleichnamige Begleitbuch mit amüsanten und informativen Materialien herausgegeben. Beide ein wahrer und in diesem Umfang kostbarer Schatz für Liebhaber der Buchkunst.<BR><BR>Denn das "Georg Müller Buch", ab 1907 geprägt durch den Buchkünstler Paul Renner, ist, auch wegen seiner handwerklichen Ausführung, ein klingender Name geworden. Alfred Kubin und Olaf Gulbransson sind nur die berühmtesten unter den zahlreichen, großartigen Illustratoren. Innovativ waren die farbigen Einbände der auflagenträchtigen Unterhaltungsliteratur. Mit der finanzierte Müller die Gesamtausgaben August Strindbergs, die Propyläen-Ausgabe Goethes oder die Memoiren Casanovas. Auch dies nur ein Bruchteil seines zudem philologisch ambitionierten Engagements. Nach wechselhafter Geschichte ist der Verlag heute Teil der Gruppe Langen-Müller-Herbig.</P><P>Bis 27. Februar 2004. <BR><BR>Begleitbuch: Eva von Freeden/ Rainer Schmitz (Hrsg.): <BR>"Sein Dämon war das Buch. Der Münchner Verleger Georg Müller". <BR>allitera verlag, München. <BR>228 Seiten<BR>20 Euro.<BR><BR></P>

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