+
Helmut Friedel, Direktor von Lenbachhaus und Kunstbau, auf der Terrasse des Bürogebäudes an der Nymphenburger Straße. Die Vorbereitungen auf kommende Ausstellungen und den Neubau laufen hier auf Hochtouren.

Erfüllung von Träumen

München - Der Direktor des Lenbachhauses, Helmut Friedel, spricht im Interview über die aktuelle Mondrian-Schau, kommende Kunst-Giganten und den Umbau des Museums.

Mit „Mondrian und De Stijl“ gelang dem Münchner Lenbachhaus ein Ausstellungs-Coup. Denn das Team um Direktor Helmut Friedel konnte eine internationale Berühmtheit, die obendrein hierzulande kaum in Museen vertreten ist, in den Kunstbau holen - und weit gefächert präsentieren. Damit ist auch die Zeitschrift und Künstlergruppe De Stijl gemeint, die ähnlich gestalterisch einflussreich wie das Bauhaus war. Was Friedel besonders freut: nach dem „Münchner“ Wassily Kandinsky einen weiteren Urvater der abstrakten Malerei präsentieren zu können.

Mögen Sie Kandinskys oder Mondrians Abstraktion lieber?

Was sich letztlich auch an dieser Ausstellung zeigt: Kandinsky ist der emotional stärkere. Durch die Verve seines Pinsels, durch die sinnliche Farbigkeit seiner Bilder spricht er jeden an; auch durch die Musikalität seiner Malerei, die so direkt rüberkommt und die Stimmungen der Betrachter ins Schwingen bringt. Mondrian löst eher eine intellektuelle Freude aus, wenn man spürt, wie intensiv seine Malerei bei dieser strengen Reduktion ist. Und wenn man dann noch die Geduld hat hinzuschauen, um zu erkennen, dass das ganz differenzierte Malerei ist. Natürlich sieht man auf den ersten Blick nur Gitter, in die Farben reingemalt wurden. Das ist ja die Gefahr bei Mondrian, dass viele glauben, ihn gesehen und verstanden zu haben, weil sie eine Abbildung kennen oder gar nur die Nutzanwendung von Mondrians Prinzip im Möbelbau oder in der Mode. Insofern verlangt Mondrian ein längeres Hinschauen, um seine Leistungen für die Abstraktion würdigen zu können. Ich persönlich habe in der Malerei eh kaum Favoriten, weil es so viele unterschiedliche Größen gibt.

Sie merken in der Ausstellung, dass Mondrian schwieriger ist?

Ja, an den Besuchern. Es gibt keinen ungebremsten Run. Alle, die da waren, hatten aber eine große Freude, und wir bekommen sehr schöne Rückmeldungen. Nach außen teilt sich das jedoch nicht so auffordernd, einladend mit. Die Ausstellung ist grandios, und ich bin heilfroh, dass wir diese Position zeigen können - und merken, wie die Ideen des Blauen Reiters eine Antwort bekommen haben.

Im Reigen der „Götter“ der Abstraktion fehlt nun noch Kasimir Malewitsch in Ihrem Haus.

Na ja, das wäre ein Traum... Aber jetzt erfüllen wir uns erst einmal die anderen zwei Träume: mit Egon Schiele im Herbst, der nicht zum Blauen Reiter gehört, allerdings immer dazugehören wollte und gleichzeitig in München ausgestellt hatte. Mit Marcel Duchamp im nächsten Jahr. Er kam, angeregt durch Kandinskys „Das Geistige in der Kunst“, hierher. Das sind Positionen, die in München bisher kaum oder überhaupt nicht gezeigt worden sind und die durchaus mit dieser Moderne zu tun haben - nicht nur Malewitsch. Wir führen mit Moskau Gespräche; es ist jedoch viel zu früh, um etwas sagen zu können. Man muss außerdem genau überlegen, wie man das anbietet: Der Weg von Kasimir Malewitsch zu seinem Gemälde „Das schwarze Quadrat“ ist so radikal, ist eine Negation von allem, was vorher war.

Eine der wichtigsten und zugleich unbekanntesten Figuren der Kunst der Moderne ist Duchamp, den Sie den Münchnern ins Bewusstsein rufen wollen.

Wir zeigen nur seine Zeit in München. Das ist nicht erforscht. Er schafft den „Akt, eine Treppe herabsteigend“ - die Super-Ikone des malenden Duchamp - und wird in Paris abgelehnt. Er ist frustriert und geht nach München, verbringt ein paar Monate hier. Als er München verlässt, macht er das „Große Glas“. Das ist die Spannweite, die die Ausstellung umfasst. Dazwischen gibt es nur acht bis zehn Werke. Mit dem Bruch von Paris und den Erfahrungen, die er in München gesammelt hat, findet er zu ganz neuen Darstellungsformen. Er ist fast täglich in die Alte Pinakothek gegangen, war im Deutschen Museum mit dessen Gerätschaften, hat wohl eine Fahrrad-Schau besucht. Unser Projekt halte ich für sehr wichtig, weil wir in keiner öffentlichen Sammlung einen Duchamp haben: Es ist fast nicht zu verstehen, dass ein so wichtiger, das ganze 20. Jahrhundert inspirierender Künstler hier nicht präsent ist. 1912 war sein Besuch, und 2012 bekommt er den Gegenbesuch.

Der Zeitpunkt der Eröffnung des neuen Lenbachhauses wurde von 2012 auf 2013 verschoben. Wie sieht es derzeit aus?

Wir sind im Zeitrahmen. Und das Haus wird im September 2012 übergeben. Ich besuche fast jeden Tag die Baustelle und habe den Eindruck, es geht zügig voran.

Am Ende des Jahres steht ein Jubiläum an: Vor 100 Jahren wurde die Künstlergruppe Der Blaue Reiter gegründet, aber das Lenbachhaus feiert das nicht.

Doch, wir machen eine Veranstaltung. Natürlich schmerzt uns das in gewisser Weise. Wir haben mit der Ausstellung „Der Blaue Reiter auf Papier“ im vergangenen Jahr so etwas versucht.

Hätte man das nicht jetzt machen können?

Wir wussten nicht, dass wir nicht fertig werden mit dem Neubau des Lenbachhauses. Wir hätten ja gern mit dem Blauen Reiter eröffnet. Auf der anderen Seite ist es prekär, solche Termine zum Thema zu machen: Vom 18. Dezember 1911 bis zum 2. Januar 1912 präsentierte die Galerie Thannhauser den Blauen Reiter. Wir wissen, dass unsere Blauen-Reiter-Bilder hier fehlen und die Menschen sie vermissen. Aber: Wenn man keine Hütte hat, ist kein Hund drinnen...

Man hätte die Werke im Kunstbau beherbergen können.

Das haben wir uns lange überlegt. Ich finde jedoch, dass das nicht gut geht, denn eine Sammlung muss mit einem Ort identifiziert werden können. In dem Fall mit dem Lenbachhaus.

Das Gespräch führte Simone Dattenberger.

Die Ausstellung „Mondrian und De Stijl“ im Münchner Kunstbau am Königsplatz ist bis zum 4. September verlängert worden. Neben den Volkshochschul-Führungen freitags und samstags um 16 Uhr bietet das Museum noch eine zusätzliche Kuratorenführung am 25. August um 16.30 Uhr; Anmeldung: 089/ 233 320 29.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Opernsänger kämpft sich ins Leben zurück: „Es ist ein Wunder“
Bis vor kurzem hat Johannes Martin Kränzle nicht geglaubt, dass er jemals wieder auf der Opernbühne stehen würde. Jetzt probt er sogar bei den Bayreuther Festspielen.
Opernsänger kämpft sich ins Leben zurück: „Es ist ein Wunder“
Schock für Deichkind-Fans: Munich Summer Beats Open 2017 abgesagt
Über tausende Menschen hatten sich schon Tickets gesichert: Die Munich Summer Beats Open 2017 wurden abgesagt. Der Veranstalter erklärt auf Facebook, warum.
Schock für Deichkind-Fans: Munich Summer Beats Open 2017 abgesagt
Mikael Nyqvist: „Ich will das Publikum spüren“
Der schwedische Schauspieler Mikael Nyqvist ist tot. Er sei im Alter von 56 Jahren nach einem Kampf gegen Lungenkrebs gestorben, teilte seine Sprecherin Jenny Tversky …
Mikael Nyqvist: „Ich will das Publikum spüren“
Ilse Neubauer feiert 75.: Ein guter Jahrgang
Das Ilse-Hasi aus der Hausmeisterin, die Oma aus den Eberhofer-Krimis: Schauspielerin Ilse Neubauer ist seit vielen Jahrzehnten bekannt und beliebt: Heute feiert sie …
Ilse Neubauer feiert 75.: Ein guter Jahrgang

Kommentare