Erholung und ungestörte Kriegsplanung

München - Der Münchner Historiker Albert A. Feiber analysiert Hitlers Obersalzberg als Regierungssitz.

Der Obersalzberg ist bisher meist als Urlaubsrefugium Hitlers angesehen worden. Man kennt das: Hitler am großen Panoramafenster, mit Blick auf den Untersberg, Hitler mit Schäferhündin "Blondi" auf der Berghof-Terrasse, Hitler beim Kuchenessen im Teehaus. Der deutschnational gefärbte Kitsch hat die Bilder bis in die Jetztzeit transportiert.

Zu kurz kam bei dieser Betrachtungsweise, dass Hitlers Berg auch ein politisches Machtzentrum war. Er war ein voll funktionsfähiger Regierungssitz, ja eine stellvertretende Regierungshauptstadt. Der Münchner Historiker Albert A. Feiber hat sich jetzt die Mühe gemacht, Hitlers Regieren am Obersalzberg systematisch zu erforschen. Er kommt in einem neuen Katalog zur Dauerausstellung am Obersalzberg zu erstaunlichen Ergebnissen: Ein knappes Drittel seiner 12-jährigen Regierungszeit hat Hitler auf dem Obersalzberg zugebracht, mehr als dreieinhalb Jahre also. Erholung und ungestörte Kriegsplanung - auf diesen Nenner lässt es sich wohl bringen.

Nicht weniger als 125 Gesetze, Führererlasse und Verordnungen wurden in dieser Zeit erlassen - vom Gesetz zum Schutz der Sprottenfischerei in der Ostsee (1934) bis hin zum folgenschweren "Ostmark-" und "Sudetengaugesetz" (1939): Am 12. Februar 1938 wurde der österreichische Bundeskanzler Schuschnigg auf dem Obersalzberg zum "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich genötigt, am 15. September 1938 kam der britische Regierungschef Chamberlain zu Gesprächen über den von Hitler geplanten Angriff auf die Tschechoslowakei in das Urlaubsdomizil. Auch wenn Chamberlain unter demütigenden Bedingungen (Angliederung des Sudetenlands an Deutschland) einen deutschen Militärschlag noch abwenden konnte: "Der Weg in den Krieg führte über den Obersalzberg", stellt Feiber treffend fest: Seinen Entschluss, Polen anzugreifen, teilte Hitler am 22. August 1939 den am Obersalzberg versammelten Militärs mit. Ein Jahr später erging, ebenfalls vom Berghof aus, die Weisung für den "Fall Barbarossa", der Befehl zur Vorbereitung eines Angriffs auf die Sowjetunion, am 12. März 1944 schließlich leitete Hitler vom Obersalzberg aus die Vernichtung der ungarischen Juden ein. Vier Monate später, am 14. Juli 1944, verließ Hitler den zu seinem Privatbesitz gewordenen Berg - und kehrte nie wieder zurück.

Eines fehlt in dem Aufsatz freilich: Der Frage, wie denn Hitlers bösartiger Zerstörungseifer mit der traumhaft-malerischen Urlaubslandschaft, in der er die Entscheidungen fällte, harmonieren konnte, widmet Feiber nur wenige Zeilen. Psychologische Spekulation ist seine Sache nicht. Schwerer wiegt, dass der Autor keine Tabelle bietet, wann genau sich Hitler am Obersalzberg aufhielt - das wäre ein guter Service gewesen. Das Buch, eine wesentlich erweiterte Neuausgabe eines erstmals 1999 erschienenen Bandes, wird durch Aufsätze zu Judenverfolgung, Widerstand, Außenpolitik und den Zweiten Weltkrieg bereichert. Es bietet sich als hervorragender Überblick über den derzeitigen Stand der Forschung zum NS-System an.

Das wird ergänzt durch eine Nachkriegsgeschichte des Obersalzbergs, die bis zum Bau des Fünf-Sterne-Hotels führt. Und zur Kehrseite dieser vom Nationalsozialismus gereinigten Medaille gehört auch, dass unterhalb des Hotels die Privatbesitzerin des Gasthofs "Zum Türken" bis heute auf Hitler-Mythos macht, weil von ihrem Haus ein Zugang zu dem Bunker des (nicht mehr vorhandenen) Berghofs existiert. Angebräunte Geschäfte! Der Obersalzberg - ein ganz normaler Berg wird er niemals mehr werden.

"Die tödliche Utopie"

Bilder, Texte, Dokumente, Daten zum Dritten Reich". Hrsg. von Volker Dahm, Albert A. Feiber, Hartmut Mehringer, Horst Möller, 832 Seiten; 21,95 Euro (Broschur), 29,95 Euro (Hardcover); reduzierte Preise in der Ausstellung am Obersalzberg.

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